Recep Tayyip Erdoğan war mitten im Präsidentschaftswahlkampf und offenbar erregt, als er 2014 bei einem Live-Auftritt im Fernsehen sagte: "Entschuldigen Sie bitte, sie (Erdoğans Gegner, Anm. d. Red.) haben sogar noch hässlichere Worte gewählt. Sie haben gesagt, ich sei Armenier!"

"Armenier", ein hässliches Schimpfwort: Das ist kein Einzelfall in der türkischen Politik und auch keine verbale Entgleisung Erdoğans. Es führt nur exemplarisch vor Augen, was das politische Establishment und große Teile der türkischen Gesellschaft über Minderheiten, und speziell über die armenische, in der Türkei denken.

Am 24. April 1915 begann im Osmanischen Reich der Völkermord an den Armeniern. In Südosten der heutigen Türkei starben mehr als eine Million Armenier, eine der größten menschlichen Tragödien des 20. Jahrhunderts. Hundert Jahre später weigert sich die Türkei, der Nachfolgestaat der Osmanen, noch immer, den Genozid einzugestehen. Statt angemessenem Gedenken, Entschädigungen und dem Bemühen um Aussöhnung und Verzeihen hält das Land für Armenier Abweisung, Ausgrenzung und Erniedrigung bereit. Warum?

1. Der türkische Staat steht sich selbst im Weg

Das Minderheitenverständnis der Türkei leitet sich unmittelbar aus dem türkischen Nationalmythos eines kulturell homogenen Volkes und des Glaubens an eine "reine" Nation ab. Die für dieses Massaker verantwortlichen Jungtürken waren vom europäischen Zeitgeist eines ethnisch homogenen Nationalstaates fasziniert und wollten diesem Vorbild auf dem eigenen Territorium um jeden Preis nacheifern. Da passte die armenische Minderheit nicht ins Bild.

Im Gegensatz zum Holocaust war die Meds Yeghern (arm. "Große Katastrophe") nicht von langer Hand organisiert. Stattdessen radikalisierte sich das Verbrechen während des Ersten Weltkrieges immer schrittweise weiter. Die Armenier waren höchst erfolgreiche Handelsleute und Handwerker, wegen ihres Fleißes und ihrer Wirtschaftskraft wurden sie oft despektierlich als die "Juden des Orients" bezeichnet. So legten auch Neid und Habgier bei den Osmanen den Nährboden für die Gewalttaten von 1915.

Bis heute gibt es im Selbstbild der Türkei keinen Platz für eigenständige Minderheiten. Der Begriff "Minderheit" ist – im türkischen Sprachgebrauch "azınlık" – negativ konnotiert. Die "azınlık" werden auch heute noch als heimliche "Spalter" und "Vaterlandsverräter" betrachtet. Das verhindert auch den offenen Umgang mit dem Völkermord. Das Türkentum und der (sunnitische) Islam bilden den Kern der türkischen Identität. Das Staatsbürgerschaftsrecht ist zwar de jure nicht ethnisch-religiös definiert, doch de facto stärkt es die türkisch-sunnitische Identität und grenzt assimilationsunwillige Minderheiten wie die Kurden, Aleviten oder Nichtmuslime aus. Offizielle Selbstbilder und Erziehungsideologien tun ein Weiteres, um in Politik, Gesellschaft und Kultur tiefe Spuren zu hinterlassen. Den Kurden bleibt das Erlernen ihrer Muttersprache im regulären Unterricht verwehrt, die Cem-Gebetshäuser der Aleviten werden offiziell nicht anerkannt und die Armenier werden in türkischen Schulbüchern immer noch als die eigentlichen Täter des Völkermordes beschrieben. 

Aufgrund dieser DNA des türkischen Staates verwundert es auch nicht, dass fast alle Parteien im türkischen Parlament – bis auf die prokurdische HDP – die aktuelle Völkermord-Resolution des Europäischen Parlamentes durch eine Gegenerklärung verurteilt haben. Was die Verteidigung einer vermeintlich tadellosen türkischen Geschichte angeht, ist sich die Opposition mit der AKP ausnahmsweise einig. Die Aufarbeitung der Armenierfrage gilt ihnen immer noch als eine Gefahr für die Einheit von Staat und Nation.

Um die eigene Geschichte aufzuarbeiten und den Völkermord anzuerkennen, müsste die Türkei also ihr Nationen- und Minderheitenverständnis überdenken und ihren eigenen Gründungsmythos infrage stellen.

Türkischer Staat muss langfristig den Genozid beim Namen nennen

Die Bereitschaft hierzu tendiert in Ankara allerdings gegen null. Am 24. April wird die Regierung nicht an den vielen Gedenkveranstaltungen zum Völkermord teilnehmen, nicht in Armenien und nicht in der Türkei. Sie hat stattdessen die Erinnerungszeremonien an die Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg auf genau diesen Tag gelegt – was die Armenier zu Recht als Affront verstanden haben.

2. Die türkische Zivilgesellschaft ist der Motor der Aufarbeitung

Laut einer Studie des Istanbuler Zentrums für ökonomische und außenpolitische Studien wollen nur neun Prozent der Türken, dass ihre Regierung das Wort "Völkermord" benutzt und die Armenier offiziell um Verzeihung bittet. Doch Teile der Zivilgesellschaft und intellektuelle Zirkel haben längst begonnen, sich dem Aufarbeitungsprozess in der Armenierfrage anzunehmen. Sie rütteln kräftig an den geschichtlichen Tabus des Landes und fordern das nationalistische Narrativ der Türkei heraus. So 2005 der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, als er erklärte, dass in der Türkei eine Million Armenier umgebracht wurden. Im selben Jahr organisierten türkische Wissenschaftler an der Bilgi-Universität in Istanbul erstmals eine Armenier-Konferenz zur Aufarbeitung der Geschehnisse von 1915. Nur unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen konnte diese Tagung überhaupt stattfinden, denn eine Gruppe von türkischen Nationalisten warf den Organisatoren Verrat vor und bewarf die eintreffenden Teilnehmer mit Eiern.

Zu einer echten Zäsur wurde die öffentliche Trauer um den ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink 2007. Der den Toten begleitende Trauerzug mit rund 100.000 Teilnehmern war ein erstes Sinnbild für das Mitgefühl der türkischen Zivilgesellschaft mit den Armeniern. Im Jahr darauf initiierten türkische Intellektuelle eine vielbeachtete Unterschriftenkampagne Özür diliyorum (wörtlich: "Ich entschuldige mich") als Entschuldigung für das Gewaltverbrechen an den Armeniern. Angespornt von diesen Gesten veranstalten Menschenrechtsorganisationen mittlerweile jedes Jahr am 24. April eine Gedenkveranstaltung für die armenischen Opfer am zentralen Taksim-Platz in Istanbul. Längst ist die türkische Zivilgesellschaft mit diesem vorbildlichen Engagement der wesentliche Träger der Geschichtsaufarbeitung.

Das verändert langsam auch die Sprache der offiziellen türkischen Staatsdoktrin: nämlich von einer aggressiven Leugnung des Völkermordes hin zur Anerkennung des Leides gegenüber den armenischen Opfern. In diesem Sinne ist auch die offizielle Kondolenzerklärung Erdoğans im April 2014 an die Adresse der armenischen Opfer zu verstehen. Das ist kein großer, aber immerhin ein bemerkenswerter Etappensieg der Zivilgesellschaft. Der Geist der Versöhnung ist damit bereits aus der Flasche.

Diese Bewegung sollte in ihrer Erinnerungsarbeit allerdings nicht alleine gelassen und für eine türkisch-armenische Verständigung international unterstützt werden – insbesondere auch vonseiten Deutschlands.

3. Ob Deutschland von Völkermord spricht, ändert in der Türkei nicht viel

Welche Mitverantwortung das Deutsche Reich an den Ereignissen von 1915 hat und ob die heutige Bundesregierung offiziell von einem Völkermord sprechen soll, wird aus Anlass der Resolution im Bundestag zur Armenierfrage intensiv diskutiert. Die offiziell türkische Leugnungshaltung wird das aber nicht beeinflussen. Deshalb sollten zwar die Ereignisse im Sinne der deutschen Mitverantwortung und der Empathie gegenüber dem Leid der Opfer beim Namen genannt werden – so wie es auch in der Wissenschaft Praxis ist. Aber zu glauben, man könne damit zur Aufarbeitung in der Türkei beitragen, ist nur eine schöne Illusion. Erdoğan selbst hat bereits klargestellt, dass die europäischen Völkermord-Vorwürfe "in das eine Ohr rein und aus dem anderen wieder raus" gehen.

Die an einen Begriffsfetischismus grenzende Diskussion um die Verwendung des Wortes "Völkermord" kann nicht die Grundlage für eine Stärkung der Erinnerungskultur sein. Natürlich muss der türkische Staat langfristig den Genozid beim Namen nennen, will er eine liberale Demokratie werden. Doch auf dem Weg dahin geht es um anderes. Politisch um die Aufarbeitung des Geschehens in den Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien durch die auf Eis gelegten Protokolle. Und in der Türkei und bei den Türkischstämmigen in Deutschland geht es um eine kultursensible Erinnerungsarbeit im Bildungssystem. Über die Ereignisse von 1915 muss intensiver informiert und aufgeklärt werden.

4. Deutschland könnte Vorbild für die Aufarbeitung sein

Deutschland hat sich nach dem Kriegsende in den Nürnberger Prozessen und Anfang der sechziger Jahre seiner Geschichte gestellt, als die Wirtschaft prosperierte und das Fundament für eine liberale Demokratie bereits gelegt war. Während 1963 ein Christdemokrat (Ludwig Erhard) als Symbolfigur des Wirtschaftswunders Bundeskanzler wurde, rollte zeitgleich ein sozialdemokratisch orientierter Generalstaatsanwalt (Fritz Bauer) die Ausschwitzprozesse auf. Parallel dazu arbeitete der wortgewaltige intellektuelle Kreis der Frankfurter Schule an der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die 68er-Bewegung rechnete mit autoritären Strukturen ab. Schließlich kniete ein ehrenvoller Bundeskanzler (Willy Brandt) vor dem Denkmal am Warschauer Ghetto nieder und bat vor der Weltöffentlichkeit um Vergebung.

Eine funktionierende Demokratie, eine soziale Marktwirtschaft und eine sich öffnende Gesellschaft mit einer starken intellektuellen Bewegung trugen mit dazu bei, dass Deutschland heute als ein Modell für die Aufarbeitung eines Genozids gelten kann.

In der Türkei sind diese Voraussetzungen nur rudimentär vorhanden. Ob sie sich angesichts der Pläne des Staatspräsidenten Erdoğan zur Einführung eines autoritären Präsidialsystems stärker entwickeln, ist höchst zweifelhaft. Erdoğan hätte das Potenzial besessen, vor dem armenischen Völkermord-Denkmal in der armenischen Hauptstadt Eriwan als gläubiger Mensch seine Hände zum Gebet zu heben und mit der al-Fatiha die wichtigste Sure des Korans für die armenischen Opfer zu rezitieren und sein Mitgefühl auszudrücken. Damit hätte er vermutlich auch seinen Platz als ein Kandidat für den Friedensnobelpreis gesichert. Diese Chance hat er mit seiner kruden Armenien-Politik endgültig verpasst. Wer weiß, ob sie für die Türkei je wieder kommt.