Israels Premierminister Benjamin Netanjahu bei der wöchentlichen Kabinettssitzung © Dan Balilty/AFP/Getty Images

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat sein Sicherheitskabinett für den Mittag zu einer Sondersitzung zur Grundsatzeinigung im Atomstreit mit dem Iran zusammengerufen. "Der Ministerpräsident wird sofortige Beratungen zur Sicherheitslage führen", bestätigte ein Mitarbeiter Netanjahus. An der Sitzung des Sicherheitskabinetts würden neben den Fachministern auch die Spitzen von Militär und Geheimdiensten teilnehmen, berichteten israelische Medien.

Ranghohe Sicherheitsbeamte schlossen vor dem Treffen auch ein militärisches Vorgehen Israels nicht aus. "Wenn wir keine Wahl haben, haben wir eben keine Wahl – die militärische Option liegt jedenfalls auf dem Tisch", sagte Geheimdienstminister Juval Steinitz, der auch für das Iran-Dossier zuständig ist, in einem Radiointerview. Dies sei wie 1981 bei israelischen Luftangriffen auf die irakische Atomanlage Osirak auch im Alleingang möglich. "Diese Operation wurde auch nicht mit Zustimmung der Vereinigten Staaten unternommen."

Joel Gusansky, früherer Chef der Iran-Abteilung im Nationalen Sicherheitsrat, und Jossi Kuperwasser, bis Dezember Ministerialdirektor unter Steinitz, sagten beide, dass Israel nicht an die in Lausanne erzielte Vereinbarung gebunden sei – und dass die Regierung alles unternehmen werde, um das Land zu schützen.

Dass Israel aber tatsächlich ohne Rückendeckung der USA etwa die Urananreicherungsanlage in Natans oder den Schwerwasserreaktor in Arak angreift, scheint zweifelhaft. "Dass Israel iranische Atomanlagen bombardiert, kurz nachdem die ganze Welt ein Abkommen mit Teheran unterzeichnet hat, kann ich mir nicht vorstellen", so Gusansky. "Das würde als Gefährdung der globalen Sicherheitslage verstanden." 

Israele Politiker hatten die Grundsatzeinigung mit dem Iran kritisiert und als "sehr gefährlich" bewertet. "Diese Eckpunkte sind ein Schritt in eine sehr, sehr gefährliche Richtung", sagte Regierungssprecher Mark Regev. Denn "das einzige Ziel" der iranischen Führung sei es, "sich in den Besitz der Atombombe zu bringen". Das Zwischenabkommen erlaube dem Iran, Forschung und Entwicklung zum Bau effizienterer Zentrifugen zur Urananreicherung fortzuführen.

Netanjahu warnt vor "Aggression und Terror" aus dem Iran

Auch Netanjahu hatte die Ergebnisse scharf kritisiert. Am Donnerstagabend hatten die Verhandlungspartner in Lausanne in der Schweiz einen Durchbruch im Atomkonflikt mit dem Iran verkündet. "Eine Einigung auf Grundlage dieses Rahmenabkommens würde das Überleben Israels gefährden", sagte Netanjahu in einem Telefonat mit US-Präsident Barack Obama. Er habe gegenüber dem US-Präsidenten seinen "starken Widerstand" gegen die beschlossene Einigung zum Ausdruck gebracht, sagte Netanjahu.

Nach mehrmaliger Verlängerung der Gespräche hatten sich der Iran und seine Verhandlungspartner in Lausanne am Donnerstag doch auf ein Rahmenwerk für ein finales Atomabkommen geeinigt. Die fünf UN-Vetomächte und Deutschland betonten, es seien Grenzen für eine künftige Nutzung der Atomkraft durch Teheran abgesteckt worden, die Entwicklung und Bau von Atomwaffen verhindern würden. 

Netanjahu sagte, ein darauf aufbauendes internationales Abkommen würde das iranische Atomprogramm legitimieren und "Aggression und Terror" des Iran erhöhen. Die Welt sollte mehr Druck auf Teheran ausüben, bis ein besseres Abkommen erreicht werden könne. Die Einigung würde dem Iran den Weg zu nuklearen Waffen nicht verschließen – im Gegenteil. "Es würde ihnen den Weg ebnen", sagte der israelische Regierungschef dem amerikanischen.

Obama versichert Israel Unterstützung

Obama habe Netanjahu daraufhin versichert, dass das Abkommen nicht die US-Bedenken über Irans Unterstützung von Terrorismus und seine Bedrohung für Israel reduzieren werde, teilte das Weiße Haus mit. Der US-Präsident sicherte Netanjahu demnach zudem die "unerschütterliche Unterstützung der USA für Israels Sicherheit" zu.

Auf der letzten Kabinettssitzung am Sonntag hatte der israelische Regierungschef die zu der Zeit fortschreitenden Verhandlungen scharf kritisiert. Nach der Beirut-Damaskus-Bagdad-Achse versuche der Iran mit dem Abkommen, von Süden aus den ganzen Nahen Osten in die Zange zu nehmen. "Die Iran-Lausanne-Jemen-Achse ist sehr gefährlich für die Menschheit und muss gestoppt werden", hatte Netanjahu vor seiner Regierung gesagt.

Hunderte Iraner feiern auf Teherans Straßen

In Teheran feierten Hunderte Iraner die Einigung. Auf der großen Straße Val-e-Asr, die von Süd nach Nord durch die iranische Hauptstadt führt, gab es in der Nacht zum Freitag Hupkonzerte und Menschen tanzten und sangen auf den Straßen. Viele Iraner formten das Siegeszeichen oder schwenkten weiße Taschentücher.

"Egal, wie das Endergebnis der Verhandlungen aussieht, wir sind Sieger!", sagte etwa der 30-jährige Schauspieler Behrang Alawi. "Jetzt können wir normal leben wie der Rest der Welt auch", sagte der rund 50-jährige Dawud Ghafari, der das Spektakel bestaunte.

Bis zum 30. Juni sollen Vertreter der fünf UN-Vetomächte USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich sowie Deutschlands die Einzelheiten für ein endgültiges Abkommen ausarbeiten. Der Vertrag würde den Streit um das iranische Atomprogramm nach zwölf Jahren beenden.