Es dauerte nicht lange, bis sich der "Islamische Staat" (IS) der Tat auf Twitter brüstete. Ihren Kämpfern aus der Region Kirkuk sei es gelungen, "viele zu verletzen und zu töten". Wenige Stunden nach der Explosion einer Autobombe am vergangenen Freitagnachmittag direkt vor dem US-Konsulat zeigten sich viele Kurden aus Erbil allerdings betont unaufgeregt. "Naja, es sind ja nur drei Leute gestorben", sagte ein junger Mann, "nur die Angreifer sind tot, keine Kurden". Das stimmt nicht ganz. Laut offiziellen Angaben sind der Attentäter und zwei kurdische Zivilisten aus der Türkei gestorben, Dutzende wurden zudem verletzt.

Woher kommt diese demonstrative Gelassenheit? Verglichen mit anderen Gebieten im Irak lebt es sich in Erbil ruhig. Anschläge der IS-Terrorgruppe sind in der Kurdenmetropole selten. In Bagdad starben am selben Tag mindestens 27 Menschen bei zwei Bombenanschlägen. In Erbil war es der erste vergleichbare Angriff seit November. Dabei liegt die Stadt nur anderthalb Autostunden von Mossul entfernt, das vom IS beherrscht wird.

Und noch etwas lässt auf Normalität schließen: Zwar sind Hunderttausende, darunter viele Christen, seit vergangenem Sommer aus anderen Regionen wie Tikrit oder Samarra in die autonome Region Kurdistan geflohen. Doch in Erbil sind im Gegensatz zu vielen Städten in der Türkei kaum Flüchtlinge zu sehen. Sie wurden außerhalb der Stadt untergebracht.

Und so ist der Alltag unspektakulär, kaum etwas erinnert an den IS. Ja, der ganze zerbröckelnde Irak, inmitten dessen die Autonome Region Kurdistan liegt, scheint unendlich weit weg. In Erbil glitzert das Öl sichtbar in Form von vierspurigen Highways, massenhaft neuen Gebäuden und glänzenden Shoppingmalls, in denen reiche Kurden, Araber oder US-Amerikaner von Personal aus Bangladesch und den Philippinen bedient werden.

Bewacht wird der Reichtum und die Sicherheit vom kurdischen Militär, den Peschmerga. In Camouflage-Uniform stehen sie an den vielen Checkpoints, winken teure Autos durch, und ab und zu untersuchen sie eines. Sie sind die Superstars der Stadt. Auf der Spendendose an der Kasse des Supermarkts Carrefour steht: "Wir alle sind Peschmerga." Die Identifizierung mit dem staatlichen Gebilde ist groß, an vielen Autos klebt das lächelnde Gesicht des Präsidenten der Autonomieregion, Mesûd Barzanî. Auf der Rückscheibe eines aufgepimpten Autos steht in grün-rot-gelben Buchstaben: "Born 2 B Peshmerga" ("Geboren, um Peschmerga zu sein").

Einer der letzten sicheren Orte im Irak

Das Vertrauen der Bevölkerung ins Militär scheint unermesslich. Lezgîn etwa, ein einflussreicher Arzt und Mediengründer aus Erbil, hat die Stadt nicht verlassen, als die IS-Schergen im vergangenen Sommer in den großen Nachbarstädten Mossul und Kirkuk wüteten. Er blieb mit seiner ganzen Familie. "Wir wollten nicht weg. Wir hatten nur Angst", sagt seine Frau Nala.

Die Angst ist dem Ehepaar nicht fremd. Die Familie kehrte erst vor 20 Jahren zurück in den Irak. Lezgîn und Nala sind im Iran aufgewachsen. Wie fast die Hälfte der irakischen Kurden, so schätzen sie. Wie in Syrien und in der Türkei waren die Kurden im Irak jahrzehntelang unterdrückt und zum Teil vertrieben worden. Saddam Husseins Soldaten jagten viele wie Vieh aus ihren Dörfern und massakrierten sie mit Giftgas. "Viele von denen, die nicht in den Iran gingen und überlebt haben, wurden in arabische Städte umgesiedelt", erzählt Nalas Mutter. Sie ist Anfang 60. Ihre Generation durfte in der Schule kein Kurdisch sprechen, sie lernte auf Arabisch. Ihre Kinder wuchsen im Iran auf, die ganze Familie spricht perfekt Farsi, viele haben an iranischen Unis studiert. Auch ihre Enkel verstehen alles.

Die jüngste, Zîlan, kommt in wenigen Monaten in die Schule. Sie wird ausschließlich auf Sorani unterrichtet, dem meistgesprochenen kurdischen Dialekt im Irak. Vielleicht wird sie Arabisch als Fremdsprache wählen, so wie ihre drei älteren Schwestern. Die können Arabisch lesen, aber nicht sprechen. Zu Hause und auf der Straße sprechen sie ihren Dialekt Kurmanci. Sie lernen viel, denn alle wollen sie studieren. In Erbil gibt es gute Schulen.

In ihrem Vorort können die Mädchen nachts allein aus dem Haus gehen, um Essen oder Kleidung zu kaufen. Ihre Eltern überlassen ihnen die Entscheidung, ob sie sich den typischen Schleier über den Hinterkopf legen wollen oder nicht, nur die Älteste hat sich dazu entschlossen.

Die Stadt ist einer der letzten sicheren Orte im Irak, in denen die Wirtschaft boomt. Nicht nur Kurden leben hier, viele arabische, türkische und auch deutsche Unternehmen lassen sich nieder. Kurdistan lockt mit günstigen Investitionsbedingungen und billigen Lebenskosten. Lebensmittel sind steuerfrei. Die Regierung stellt der Bevölkerung kostenlos Mehl, Zucker, Butter und Reis zur Verfügung. Einmal im Jahr gibt es billiges Gas, damit die Familien im Winter heizen können. Die Barzani-Regierung kann es sich leisten: Die Region verfügt über das neuntgrößte Ölvorkommen der Welt. Der Handel mit der Türkei floriert. Die wenigen Oppositionellen im Quasi-Staat kritisieren allerdings, dass die großen Parteien KDP und PUK in allen größeren Geschäften ihre Anteile abgriffen. Die Korruption gilt als hoch.