Doch die meisten Bewohner Erbils schwärmen von ihrem Präsidenten. Sie schreiben ihm, seinem Clan und den Peschmerga ihre Unabhängigkeit und ihren Wohlstand zu. Das Öl und die Unterstützung der USA kommen selten zur Sprache. Auch über den IS reden sie nur widerwillig und wenn doch, dann herablassend, als sei die Gefahr marginal. Bomben wie die am Freitag stören ihr Bild vom terrorfreien Mini-Dubai.  

Sie sind stolz darauf, dass alle Kurdisch sprechen und belächeln die Kurden in der Türkei, die in vielen Gebieten assimiliert worden seien, ihre Sprache und Kultur verloren hätten. Auch für die Jesiden aus Sindschar, die im Hochsommer von IS-Terroristen auf einen Berg vertrieben wurden, wo sie ohne Wasser und Nahrung ausharrten, und von denen etliche massakriert wurden, finden sie wenig warme Worte. Die Jesiden hätten ihre kurdische Identität verraten und die Peschmerga verleumdet.

Hinter diesen Vorwürfen steckt ein alter politischer Zwist: Die Jesiden leben als hermetisch isolierte Gemeinschaft und wählen Barzani nicht. Dann kam noch dazu, dass die Guerillas von der türkisch-kurdischen PKK sich die heldenhafte Befreiung der Jesiden zuschrieben. Die Peschmerga-Anhänger und die der PKK lassen kaum eine Gelegenheit aus, den anderen lächerlich zu machen und internationale Anerkennung auf sich zu ziehen. Die Kämpfer selbst geben sich untereinander pragmatisch kollegial. So kämpften sowohl im irakischen Sindschar als auch im syrischen Kobani sowohl Peschmerga als auch PKK-Milizen gegen den IS.

Die größte Abneigung empfinden die Kurden aus Erbil – oder Hewlêr, wie sie ihre kleine Trutzburg nennen – gegen die benachbarten Araber. Das hat zum einen Züge einer gewöhnlichen Gartenzaunfeindschaft, die jeder kennt, der einen Badenser mal für einen Schwaben hielt. Viel Hass schöpft sich aber auch aus den vergangenen Monaten, als die sunnitische Bevölkerung die IS-Milizen resigniert gewähren ließen, frustriert von der Benachteiligung durch die schiitische Regierung des ehemaligen Präsidenten Nuri al-Maliki.

Konsum gegen das Gefühl der Bedrohung und gegen schlechte Erinnerungen

Das Misstrauen ist zudem ein Relikt aus den Jahrzehnten der Unterdrückung durch das Saddam-Regime. Mit aktueller Brisanz: Die alten Feinde, Saddams Generäle, sind im Irak mittlerweile ein wichtiger Strang im IS-Geflecht. Irak und IS werden auf dieser Ebene als deckungsgleich erfahren. Das Wort Irak wird so gut wie möglich vermieden oder bestenfalls mit dem Zusatz "ehemalig" versehen. Auf jedem Werbeschild, jeder Tankstelle, jedem Accessoire steht "Kurdistan". Bei aller Abneigung gegenüber dem Irak: Die kurdische Autonomie profitiert momentan vom instabilen irakischen Staat. Denn je unzuverlässiger Bagdad Öl exportiert, desto zuverlässiger weichen die Abnehmer, namentlich Ankara, auf Erbil aus.

Nach jahrzehntelanger Demütigung und Angst will niemand auf die Mahnungen hören, die leise von innen und außen warnen: Ölquellen sind nicht unerschöpflich. Sie könnten auf Dauer nicht als einzige Basis für eine funktionierende Marktwirschaft dienen. Doch die Warnungen verhallen. Zu sehr lockt der Konsum, gelabelt mit der zurückgewonnenen Identität: "Made in Kurdistan".

Der Stolz darauf ist so groß, dass der regierungsnahe Sender Rudaw wöchentlich eine Sendung mit diesem Titel ausstrahlt. Porträtiert werden kurdische Unternehmen, wohlwollende Aufnahmen von kurdischen Landwirtschaftsbetrieben, Lebensmittelproduktionen oder eben Ölraffinierien. Barzanis Medien polieren den ökonomischen und militärischen Glanz.

Die Zeiten scheinen gut. Die Regierung pflegt gute Beziehungen zu den USA, sie erhält internationale Unterstützung und es gelang ihr, die IS-Kämpfer bis jetzt aus ihrem Gebiet fernzuhalten. Solange es so bleibt, werden die Einwohner Erbils wohl nicht aufhören, die aktuelle Bedrohung und die Erinnerungen an früher wegzukonsumieren.