Einen Moment Ruhe. Das war alles, was ich wollte, nicht mehr. Paris war wieder einmal sehr hektisch zu mir gewesen, ich musste mich hinsetzen, abspannen, vielleicht eine Zigarre rauchen. Für solche Zwecke bieten winzige Parks in der Stadt wohldefinierte Grün- und Kiesflächen mit gusseisernen Bänken. Ich befand mich im 11. Arrondissement, und dort steht die Kirche Saint-Ambroise, ein nicht sehr erhebender Bau aus dem Jahr 1863, vor ihr ein bisschen Park: Der kam mir gerade recht.

Keine zwei Minuten sitze ich, kommt doch ein Typ auf mich zu, ein zerlumpter Afrikaner. Ich habe gerade überhaupt keine Lust auf ein Gespräch, weder mit ihm noch mit sonstwem, und anbetteln lassen will ich mich ebenso wenig. Aber ich sage "gern", als er fragt, ob er sich neben mich setzen darf. Aber ja doch. Was will man machen.

Da sitzen wir nun. Ich biete ihm einen Zigarillo an, nein, gleich drei. Seine Hand ist rissig und wund, und überhaupt, es scheint ihm nicht gut zu gehen. Er sagt erst einmal gar nichts. Geld will er offenbar auch keins. Dann: Er wohne hier, auf einer Bank, und stamme aus Dakar. "Kenne ich", sage ich, "da war ich mal." Das freut ihn, er erzählt von zu Hause, und davon, dass die Senegalesen sehr gebildet seien, er zum Beispiel beherrsche vier Sprachen. Und dann spricht er in der Tat nicht nur Französisch, sondern auch Englisch und Italienisch, alles fließend, außerdem Wolof, seine Heimatsprache. Ich spreche nur drei Sprachen fließend. Man könne immer noch etwas dazu lernen, lacht er. Er heißt Demba.

Zufällig ins reiche Europa geboren worden

Da fällt mir auf, dass ich gerade den ersehnten Moment Ruhe erlebe. Einfach ein bisschen plaudern. Aber keine Illusion: Das ist hier nicht von gleich zu gleich. Wir sind zwar beide Ausländer in Paris, und beide sind wir hier, um zu arbeiten (er unterstützt seine Familie zu Hause; die Kinder sollen studieren) – aber wir können nicht so tun, als trennten uns nicht Welten. Das ist schon eine Zwickmühle: Würde ich im Gespräch die Abwesenheit dieses Klassenunterschiedes vortäuschen, dann wäre es die Heuchelei eines Privilegierten; wählte ich aber seine Armut und meinen Wohlstand zum Thema, dann wäre das ölige Leutseligkeit. Also was nun? Ich erkundige mich einfach nach ihm.

Die Ungleichheit unserer Lebensbedingungen hat viele Ursachen, doch dass Demba und ich auf so unterschiedliche Weise in die Klassenverhältnisse hineingeworfen wurden, das ist purer Zufall. Und der wiederum ist nichts, worauf sich Rechte begründen ließen. Anders gesagt: Uns hier im Norden, die wir rein zufällig ins reiche Europa geboren wurden, stehen deswegen nicht mehr Rechte zu als jenen dort im Süden, die rein zufällig ins arme Afrika geboren wurden. Das hat Konsequenzen, etwa die, dass die da unten genauso durch die Welt ziehen dürfen müssen wie wir hier oben. Wohin sie wollen. Auch zu uns.

Grenzen auf, und gleiches Recht für alle

Ein individualistisches Argument. Es sieht auf die Individuen und stellt fest, dass diese ihre unterschiedlichen Ausgangsbedingungen nicht zu verantworten haben. Ein interessanter Punkt, wie ich finde, denn es ist die individualistische Begründung einer migrationspolitischen Position, wie sie heute überwiegend von Linken vertreten wird: Grenzen auf, und gleiches Recht für alle.

Den meisten Linken ist nicht bewusst, dass in der internationalen Debatte vor allem Ultraliberale und Libertäre diese Position vertreten. Es war auch ein englischer Liberaler, nämlich Granville George Leveson-Gower, 2. Earl Granville (tja, das ist der vollständige Name), der 1872 als Außenminister erklärte: "Alle Fremden haben das uneingeschränkte Recht, in dieses Land zu kommen und hier zu wohnen."

Wanderungsbewegungen trieben früher Wirtschaftswachstum voran

Das war damals übrigens gängige Politik, beinahe in ganz Europa. Man brauchte fast nirgendwo einen Reisepass. Die internationalen Wanderungsbewegungen folgten dem Wirtschaftswachstum und trieben es voran, was auch den Staatskassen zugute kam. Erst der Weltkrieg, der Aufschwung der Arbeiterbewegung und die Weltwirtschaftskrise machte den weltweit vorherrschenden liberalen Einwanderungsregimes ein Ende.

Heute ist alles anders. Heute ist jemand wie Demba ein sans-papier, ein irregulär in Frankreich lebender und arbeitender Fremder. Er verdient Geld mit Gelegenheitsarbeiten, wie die Mehrheit der 200.000 bis 400.000 sans-papiers in Frankreich. Die Kirche Saint-Ambroise wurde übrigens im März 1996 von rund 300 afrikanischen sans-papiers besetzt, die einen legalen Status forderten. Der Priester rief die Polizei, und die räumte den Ort. Doch seither kommt es immer wieder zu derartigen Besetzungen.

Ich frage Demba noch ein wenig nach seinen Kindern und gebe ihm ein paar Euro als Zuschuss für Bücher. Es ist mir egal, wofür er das Geld verwendet. Wir verabschieden uns mit Handschlag, ich spüre rissige, hart gewordene Haut. Geraucht hat er die Zigarillos nicht.