Was tun, um das Flüchtlingselend im Mittelmeer zu beenden? Die Debatte darüber wird angesichts der fortdauernden Zufluchtssuche von Zehntausenden, ja Hunderttausenden, so bald nicht abflauen. An Vorschlägen fehlt es nicht. Das Seenotrettungsprogramm zu verstärken, lautet einer; die Fluchtursachen durch engere Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern zu bekämpfen ein anderer; dazu die Entwicklungshilfe endlich von 0,38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf den schon seit ewig versprochenen Satz von 0,7 Prozent anzuheben ein dritter.   

Es wird schwer genug sein, das Seenotrettungsprogramm wieder auf das Niveau des im Herbst vorigen Jahres beendeten italienischen Unternehmens Mare Nostrum zu bringen. Der Streit geht um die Ausweitung des Überwachungsraums und die Finanzierung, ebenso wie um die Verteilung der Geretteten auf die übrigen EU-Staaten (von 28 haben bislang nur zehn Flüchtlinge aufgenommen).

Weit schwieriger jedoch wird es werden, die Fluchtursachen in den Herkunftsländern zu beseitigen. Die Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen Bürgerkrieg herrscht: Syrien, Somalia, Nigeria – gescheiterten oder scheiternden Staaten. Sie setzen sich ab aus Diktaturen wie Eritrea oder aus autoritär regierten Staaten wie Gambia. Auch die alles durchdringende Korruption in manchen Landstrichen treibt sie aus der Heimat, ebenso die Machenschaften der regierenden Kleptokraten, die sich mit Zähnen und Klauen – um Herbert Wehners Bundestagszwischenruf zu zitieren: "Vor allem mit Klauen!" – an der Macht halten. Wie soll oder kann man mit denen Abmachungen treffen?

Und sollte man ihnen wirklich auch noch zusätzliche Entwicklungsgelder in den Rachen werfen? In den vergangenen 60 Jahren hat Afrika über eine Billion Dollar an Official Development Aid (ODA) erhalten; eine Reihe von Staaten bestritten damit 70 Prozent ihrer Staatsausgaben. Der Erfolg ist sehr gemischt – so gemischt, dass viele Ökonomen, darunter auch prominente Afrikaner, ein Ende der Entwicklungshilfe fordern. Ihre Begründung: Sie mache abhängig, töte die Eigeninitiative, anstatt Anreize zum selbständigen Handeln zu liefern, und speise nur die Korruption.  

In der Diskussion darüber taucht immer wieder der Hinweis auf, dass Ghana und Südkorea 1960 das gleiche Prokopfeinkommen erwirtschafteten, um 480 Dollar. Heute liegt es in Ghana, weit abgeschlagen, bei 1730 Dollar, Südkorea hingegen hat längst 25.000 Dollar erreicht. Warum hat Afrika so wenig aus seiner Billion an Entwicklungshilfegeldern gemacht – jedes Jahr noch immer rund 50 Milliarden Dollar? Ich bin keineswegs gegen die Erhöhung unseres Entwicklungshilfe-Etats von den gegenwärtigen 0,38 Prozent – 2012 waren das 6.330 Milliarden Euro an bilateraler und multilateraler Hilfsleistung – auf 0,7 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts. Aber wir sollten in jedem Fall sehr genau überlegen, wen wir da bedenken.

Gebt nicht mehr! "Es bringt nichts."

Nehmen wir das Beispiel Mali – ein Land, das nach einem Militärputsch und einem Aufstand der Islamisten im Chaos zu versinken drohte. Die internationale Expeditionstruppe Minusma stellte unter französischer Führung die Ordnung halbwegs wieder her; die Bundeswehr ist seit 2013 an dieser Mission und der European Training Mission Mali (EUTM Mali) mit maximal 250, neuerdings 350 Ausbildern und Sanitätspersonal beteiligt. Im Jahre 2012 erhielt Mali 59 Millionen, 2013 sogar 184 Millionen an Entwicklungshilfe. 

Gebt nicht mehr, warnt jetzt Alex Duval Smith, die in Mali lebt: "Es bringt nichts." Ihre Begründung schockiert. Ich fasse sie hier zusammen; der Volltext ist im Guardian nachzulesen:

Korruption und Vetternwirtschaft sind endemisch, schreibt Smith. Eine Wartenummer im Krankenhaus kostet. Für den Bachelor-Titel reichen nicht gute Leistungen, man muss etwa 570 Euro dafür hinlegen. Die Paragrafen, die den Verkehr regeln, betrachten die Polizisten als eine Art Preisliste für das Bestechungsgeld, das sie verlangen, um die Sünder laufen zu lassen. Präsident Ibrahim Boubacar Keïta aber hat sich, kaum gewählt, für 37,5 Millionen Euro –ein Drittel des jährlichen deutschen Entwicklungszuschusses – ein prunkvolles Präsidialflugzeug angeschafft, obwohl er bereits eines hat. Bei jährlich rund 850 Millionen Euro Hilfszahlungen aus ausländischen Quellen glaubt er wohl, sich das leisten zu können. Deutschland hat in den Jahren 1960 bis 2010 insgesamt 1,1 Millarden Euro an Hilfe geleistet.  

Ich habe die Angaben nicht kontrollieren können. Doch ist zu hoffen, dass Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, der einen Kurswechsel in unserer Afrikapolitik angekündigt hat, sie sehr genau unter die Lupe nimmt, ehe er die nächste Überweisung unterschreibt. 

Jeder dritte Flüchtling, der letzthin aus dem Mittelmeer gefischt worden ist, stammt aus Mali. Sie flohen ein korruptes Regime, das wir nicht mit unseren Hilfsgeldern stützen sollten.