Härter konnten die Kontraste nicht ausfallen: In Teheran kreisten nach der Einigung auf ein Atomabkommen die Bürger die ganze Nacht hupend und jubelnd in Autokorsos durch die Stadt. Dem aus Lausanne zurückgekehrten Außenminister Mohammed Dschawad Zarif bereitete eine euphorische Menge mit Hochrufen einen Heldenempfang. In den arabischen Hauptstädten dagegen, vor allem am Golf, herrschte eisige Stille. 

Er hoffe, der Atomvertrag werde der Region Stabilität und Sicherheit bringen, ließ der saudische König Salman schmallippig verbreiten, nachdem er mit Barack Obama telefoniert hatte. Um die Gemüter am Golf zu beruhigen, lud der US-Präsident alle Emire und Monarchen zu einem Gipfel nach Camp David ein.

Denn die superreichen Potentaten betrachten die plötzliche Dynamik den iranisch-amerikanischen Beziehungen mit Argwohn und Misstrauen. Seit ihrer Gründung 1979 liefert sich die Islamische Republik Iran einen erbitterten Kalten Krieg mit den Arabern am Golf und in Ägypten. Die arabischen Hauptstädte fürchten, das Ende der Sanktionen und der internationale Wiederaufstieg werde Teheran noch dominanter machen – und damit ihre Region noch instabiler. 

Schutzmacht schiitischer Milizen und Assads

Der Iran versteht sich als Schutzmacht aller Schiiten. Mit ihm verbündete Milizen sowie seine Revolutionären Garden mischen inzwischen auf allen Kriegsschauplätzen der Region mit. Die ölverwöhnten Araber am Golf aber haben dem Machtwillen, den militärischen Kapazitäten und der gesellschaftlichen Dynamik des 80-Millionen-Volkes auf der anderen Seite des Persischen Golfs außer einem exzessiven Rüstungswettlauf wenig entgegenzusetzen.

Mit der Offensive der Huthi-Rebellen im Jemen hat die Islamische Republik nun erstmals auch ihren Fuß auf die Arabische Halbinsel gesetzt. In den drei Jahrzehnten zuvor konzentrierte sich der iranische Einfluss vor allem auf Libanon und Syrien. An der Grenze zu Israel stehen heute mehrere Tausend Hisbollah-Kämpfer. Nach Schätzungen des Pentagon verfügen sie über mindestens 30.000 Raketen, darunter einige Hundert mit einer Reichweite von bis zu 400 Kilometern, die aus dem Iran stammen. 

Im syrischen Bürgerkrieg bewahrten iranische Waffenlieferungen und Hisbollah-Einheiten Diktator Baschar al-Assad vor dem Zusammenbruch und konnten die Lage an vielen Fronten sogar zu seinen Gunsten wenden. Ähnlich bedeutend ist auch Irans Rolle in der schiitischen Mehrheitsregierung im Irak, die nach dem Sturz von Saddam Hussein an die Macht kam.  

Kampf gegen die Huthis

Und so will Saudi-Arabien mit seiner Militäroffensive gegen die Huthi-Miliz im Jemen das klare Signal setzen, dass die Golfstaaten entschlossen sind, dem iranischen Expansionsstreben künftig auch militärisch entgegenzutreten. Nach der Einigung von Lausanne könnte Riad sich nun obendrein auf eine Kapitulation der schiitischen Rebellen versteifen, was einen langen und blutigen Krieg mit Bodentruppen bedeutet.

Das Gleiche gilt für den Konfliktherd Syrien. Hier fürchten Saudi-Arabien und die Türkei eine implizite Absprache zwischen den USA und dem Iran. Beide könnten das militärische Vorgehen gegen den "Islamischen Staat" koordinieren, wenn Washington dafür das politische Überleben Assads garantiert. 

So könnten sich hier die sunnitischen Schwergewichte der Region – Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten – dazu entschließen, auf eigene Faust einen militärischen Sturz von Assad zu versuchen. Aus ihrer Sicht würden sie dadurch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie nähmen dem triumphierenden Iran seinen wichtigsten Verbündeten in der arabischen Welt und schafften gleichzeitig freies Feld für den Kampf gegen die Terrormilizen des "Islamischen Staates", die auch ihre Regime offen bedrohen.

"Ich bin jetzt 67 Jahre alt – ich habe die Kriege 1956 und 1967 miterlebt, den arabisch-israelischen Frieden, die Revolutionen und die Staatsstreiche", erläuterte Abdel Moneim Said Aly, ein Veteran unter den arabischen Politikwissenschaftlern und langjähriger Direktor des Al-Ahram Zentrums für Politische und Strategische Studien, einer Denkfabrik in Kairo. Doch noch nie habe er eine solche Unsicherheit für die Region empfunden wie heute, fügte er hinzu. "Alles ist möglich."