Die Linke und die Grünen fordern Konsequenzen aus einem der schlimmsten Flüchtlingsdramen im Mittelmeer mit Hunderten Toten. Deutschland müsse sich für eine Neuauflage des Seenotrettungsprogramms Mare Nostrum einsetzen, sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, dem Tagesspiegel. "Wir haben eine humanitäre Verpflichtung, zu helfen." Die Europäische Union müsse sichere Wege für die Flüchtlinge schaffen und könne diese nicht weiterhin wie bisher "zynisch ihrem Schicksal" überlassen. Linksfraktionschef Gregor Gysi kritisierte, das Ende von Mare Nostrum sei "katastrophal und absolut inhuman". Das italienische Programm war durch die Frontex-Mission Triton abgelöst worden, dieser stehen aber weniger Ressourcen zur Verfügung.

Ein Fischerboot mit Hunderten Menschen an Bord war in der Nacht zum Sonntag vor der libyschen Küste gekentert. Die genaue Zahl der Menschen an Bord war auch am Montag nicht klar. Nach Angaben eines Überlebenden waren 950 Menschen auf dem gekenterten Schiff. Rund 300 der Insassen seien von Schmugglern in den Laderaum des Fischerboots gesperrt worden, sagte der Mann aus Bangladesch der Staatsanwaltschaft. Noch gebe es keine Bestätigung für die Angaben des Mannes, sagte Staatsanwalt Giovanno Salvi. Die Behörden hatten zuvor erklärt, ein Überlebender der Havarie habe gesagt, dass 700 Menschen an Bord gewesen seien. Das Schiff war auf dem Weg nach Malta vor der Küste Libyens gesunken. Laut Küstenwache kenterte das Boot womöglich deshalb, weil Flüchtlinge auf eine Seite geeilt waren, als sie am Samstagabend ein unter portugiesischer Flagge fahrendes Containerschiff herannahen sahen, das losgeschickt worden war, um den Migranten zu helfen.

Linksparteichef Bernd Riexinger forderte die Bundesregierung auf, "endlich zu handeln und alles dafür zu tun, um die Flüchtlingspolitik der EU grundlegend zu ändern". Er verlangte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe das Ende der EU-Grenzschutzagentur Frontex, ein neues Seenotrettungsprogramm der EU und eine deutliche Aufstockung der deutschen Entwicklungshilfe.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow forderte in der Zeitung Neues Deutschland sichere Fluchtkorridore, um Flüchtlinge "vor dem Morden und Berauben zu schützen". Die jüngste Katastrophe sei "eine Schande für Europa", sagte der Linkenpolitiker. Europa mache sich am Sterben der Menschen mitschuldig.

CSU-Chef Horst Seehofer sieht die Europäische Union in der Pflicht. "Das ist eine ganz, ganz große Tragödie", sagte der bayerische Ministerpräsident am Rande seines Besuchs in Saudi-Arabien in Riad. "Und ich denke, das führt uns allen vor Augen, dass sich die internationale Staatengemeinschaft wesentlich intensiver um diese Problematik kümmern muss, als dies in der Vergangenheit der Fall war." Das könne man Italien nicht alleine überlassen, sagte Seehofer. "Sondern für solche Zwecke gibt's die Europäische Union – und die sollte gemeinschaftlich tätig werden."

"Wir können ja Italien und Griechenland das nicht alles zumuten"

Seehofer forderte: "Natürlich muss die Bundesregierung in der Europäischen Union darauf dringen, geeignete Maßnahmen einzuleiten, dass solche Tragödien sich nicht wiederholen." Als Beispiele nannte er den Kampf gegen die Armut in den Herkunftsländern der Flüchtlinge und die Bekämpfung von Schleuserbanden. "Das ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen." Und derlei Dinge seien viel wichtiger als jegliche finanzielle Fragen. Seehofer forderte zudem eine stärkere Unterstützung für Italien und Griechenland, damit Flüchtlinge innerhalb der Europäischen Union schneller weiterverteilt werden. "Wir können ja Italien und Griechenland das nicht alles zumuten."

"Europa darf nicht immer mehr zur Festung werden, vor deren Mauern Menschen sterben", sagte SPD-Vize Ralf Stegner der Berliner Zeitung. Die EU müsse mehr tun in den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Es brauche aber auch "endlich legale Möglichkeiten der Einwanderung nach Europa, um Menschen den oft tödlichen Seeweg zu ersparen".

Der Städte- und Gemeindebund mahnte eine bessere Zusammenarbeit in Europa an. Erforderlich sei nicht nur eine solidarische Verteilung von Asylbewerbern, "sondern auch ein entschlossenes Vorgehen gegen Schleuserbanden, die mit dem Leid der Menschen Geld verdienen und skrupellos vielfach das Leben der Flüchtlinge aufs Spiel setzen", sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der Rheinischen Post.