Auch zwei Tage nach dem schweren Beben bemüht sich die Regierung von Nepal noch immer, die Folgen einer der schwersten Naturkatastrophen in der Geschichte des 30 Millionen Einwohner großen Landes zu bewältigen. Mehrmals am Tag tritt ein Sprecher des Innenministeriums vor die Presse, um die Opferzahlen nach oben zu korrigieren. 3.726 Tote sind es nach jüngsten Angaben, Stand Montagnachmittag. Dazu kommen mehr als 6.500 Verletzte. Die Zahlen können aber noch weiter nach oben gehen, da viele Gebiete des Landes immer von der Außenwelt abgeschnitten sind und Rettungskräfte und Bergungsteams dorthin noch nicht vordringen konnten.

Das Gesundheitssystem ist völlig überfordert, die Kliniken sind überfüllt. Viele Verletzte müssen deshalb im Freien oder notdürftig errichteten Zelten versorgt werden. Immer wieder regnet es zudem. Darunter leiden auch die Tausenden Einwohner der in erheblichen Teilen zerstörten Hauptstadt Kathmandu, die die kalten Nächte unter freiem Himmel verbringen – entweder, weil ihre Häuser eingestürzt sind, oder aus Angst vor weiteren Nachbeben.

Ihren Regierungschef, Sushil Koirala, bekamen die Betroffenen zunächst nicht zu Gesicht. Der 74 Jahre alte Politiker kam erst mit einem Tag Verspätung im Erdbebengebiet an. Er war anlässlich einer Wirtschaftskonferenz in Indonesien, als das Erdbeben der Stärke 7,8 Teile seiner Heimat verwüstete. Koirala machte sich zwar umgehend auf die Rückreise, schaffte es aber zunächst nur bis nach Bangkok. Der Flughafen in Kathmandu war wegen der Hilfsflüge dicht, Koiralas Anschlussflug wurde gestrichen.

In den Stunden größter Not mussten die Nepalesen deshalb ohne ihren Premierminister auskommen, was durchaus symptomatisch ist. Denn viele Einwohner fühlen sich alleingelassen von der Regierung, der es nicht einmal in der Hauptstadt gelingt, die Menschen zu versorgen.

Schon vor der Katastrophe konnten sich die Nepalesen nur bedingt auf ihre politische Führung verlassen. Regierung und Opposition befinden seit Jahren im Dauerkonflikt um die Verabschiedung einer Verfassung für das Land, das 2008 nach langem Bürgerkrieg die Abschaffung der Monarchie und die Einführung einer demokratischen Ordnung beschlossen hatte. Erst vor wenigen Wochen versuchten die oppositionellen Maoisten Nepal mit einem Generalstreik lahmzulegen. Es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen, die Polizei setzte Tränengas ein, mehrere Menschen wurden verletzt.

Internationale Beobachter sehen immerhin die Chance, das die zerstrittenen Parteien angesichts der Erdbeben-Katastrophe wieder zu einander finden. "Die Opposition wird sich positiver verhalten und die Schwierigkeiten nicht weiter hochspielen", vermutet der Botschafter Matthias Meyer. "Zumindest hoffe ich, dass sich das in diese Richtung weiterentwickelt."

Die Aufgaben für Nepals Gesellschaft sind gewaltig, und sie ist durch das Beben und die Zerstörungen noch schwieriger geworden. Schon bisher galt der Regierungsplan, die von den Vereinten Nationen geführte Liste der am wenigsten entwickelten Länder der Welt bis 2022 zu verlassen, als sehr optimistisch. Dafür müsste Nepal sein Pro-Kopf-Einkommen von derzeit rund 700 US-Dollar im Jahr auf 1.200 US-Dollar steigern. Ohne umfangreiche Hilfen aus dem Ausland dürfte das nach dem Beben vom Wochenende nicht mehr zu erreichen sein. Denn der schwere Erdstoß warf Nepals Entwicklung stark zurück. Die amerikanische Erdbebenwarte USGS hält Schäden von bis zu zehn Milliarden Dollar für möglich. Das entspräche der Hälfte der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung Nepals von gut 20 Milliarden Dollar.

Die miserable Infrastruktur bremste bereits bisher den Aufstieg – im weltweiten Vergleich des Weltwirtschaftsforums liegt Nepal auf Platz 132 von 147 untersuchten Ländern. Die Zerstörung durch das Beben verstärkt dieses Problem enorm. Und die Regierung von Premier Koirala hat sich bisher nicht besonders effektiv gezeigt, die Schwachstellen zu beseitigen: Von bewilligten Geldern für staatliche Investitionsprojekte gab sie in den vergangenen Jahren nur 70 Prozent tatsächlich aus. Der Rest scheiterte an bürokratischen Hürden, kritisiert die Asiatische Entwicklungsbank.

Auch in der deutschen Botschaft zeigt man sich besorgt: "Die Infrastruktur, Schulen und Krankenhäuser sind ohnehin nur wenig funktionsfähig", sagt Botschafter Meyer. Das Beben treffe das Land daher besonders hart. Vor allem in den abgelegenen Dörfern, vermutet er, in die Hilfskräfte bisher kaum vorgedrungen sind.

In der deutschen Botschaft in Kathmandu herrscht ebenfalls Ausnahmezustand. Im Garten der Vertretung wurde ein Zeltlager errichtet. Rund 50 deutsche Touristen warten dort auf die Ausreise aus dem Land. "Wir haben keine großen Möglichkeiten, können die Menschen aber notdürftig versorgen", sagt Botschafter Meyer im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Es gebe zwar wieder Linienflüge, die Wartezeiten sind aber lang. "Hilfsflüge haben auf dem kleinen Flughafen natürlich Vorrang", sagt Meyer.

Insgesamt halten sich nach Schätzungen der Botschaft noch etwa 500 deutsche Touristen in Nepal auf. Zu 150 von ihnen gebe es noch keine Verbindung, sie seien vermutlich irgendwo in den Bergen des Himalayas. "Es ist schwer an sie heranzukommen", sagt Meyer. In der Botschaft geht man davon aus, dass mindestens ein deutscher Staatsbürger durch eine Lawine, die das Erdbeben ausgelöst hatte, getötet wurde. Dies habe eine Touristengruppe berichtet, offiziell bestätigt ist die Meldung noch nicht.

Botschafter Meyer beobachtet allerdings auch, dass in manchen nicht zerstörten Teilen der Hauptstadt der Alltag bereits wieder begonnen. Taxis seien wieder auf den Straßen, Geschäftslokale hätten geöffnet. "Eine gewisse Normalität bahnt sich wieder an." Zu spüren sei aber auch, dass das Unglück die Bewohner Kathmandus schwer traumatisiert habe. "So schnell werden sie darüber nicht hinwegkommen."