Der Durbar-Platz in Kathmandu © PRAKASH MATHEMA/AFP/Getty Images

Tilak Kaki war Wächter im historischen Tempelkomplex am Durbar-Platz in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Vor etwas mehr als einem Jahr, als der Winter begann, hatte er seinen Job angetreten, mit einem überwältigenden Gefühl des Nationalstolzes. Die Unesco-Welterbestätte, im 17. Jahrhundert von den nepalesischen Königen erbaut, war erst einige Monate zuvor feinfühlig restauriert worden.

"Jetzt passe ich auf einen Haufen Ziegelsteine auf", sagt Kaki drei Tage nach dem Erdbeben der Stärke 7.8, das weite Teile der Anlage dem Erdboden gleich gemacht hat. Mehr als 4.000 Menschen starben bei der Katastrophe, noch im indischen Neu-Delhi gab es Opfer. Es war das schwerste Beben, das die Region in 80 Jahren erlebt hat. "Bei den Leuten wächst die Sorge. Wir können so nicht leben", sagt Kaki und weist mit der Hand auf Dutzende Familien, die auf den offenen Flächen Zuflucht gesucht haben, die einst Tempelhöfe waren.

Auf der Vorderseite des Komplexes führt die Hauptstraße entlang, junge wie alte Nepalesen bremsen auf ihren Rollern dort ab, sind fassungslos, die Münder stehen offen. Einige machen Fotos mit ihren Handys, während andere einfach nur auf die Zerstörung ihres gemeinsamen Erbes starren. Die Tempel der Hindus und Buddhisten machten den Platz zu einem einzigartigen Ort, an dem beide Religionen friedvoll miteinander verflochten waren – es war eine von vier Welterbestätten, die am Samstag zerstört wurden. Auch der jahrhundertealte Dharahara-Wachturm, eine Sehenswürdigkeit Kathmandus, die bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen beliebt war, liegt in Trümmern. Experten sprechen von einem unersetzlichen Verlust.

Die Zerstörung der Anlage wirkt höchst symbolisch: Es ist die Auslöschung einer leidenschaftlich stolzen Kultur in etwas mehr als einer Minute. Das Beben am Samstag erschütterte Kathmandu 80 Sekunden lang. Vor der Naturkatastrophe hatte das notleidende Nepal am Scheideweg gestanden: Neun Jahre nach einem brutalen Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und maoistischen Rebellen begann das Land endlich, sich zu erholen. Es machte Fortschritte bei der Gleichberechtigung von Frauen und fing an, aus dem Schatten des mächtigen und reicheren Nachbarn Indien zu treten. Die neue Verfassung – entworfen, als die rebellischen Maoisten ein Jahr nach dem Krieg in die Politik gingen, aber immer noch nicht in Kraft – wird weithin als der Schlüssel gesehen, der dem Land Stabilität bringen kann. Doch in den Monaten vor dem Erdbeben erinnerten politische Machtkämpfe und Straßenproteste die Nepalesen daran, wie unsicher ihre Zukunft ist. Das Erdbeben, auch wenn es ein Naturereignis war, hat diese Zerbrechlichkeit nur noch betont.

"Da ist das Gefühl, dass uns das Erdbeben als Land zurück in einen Schwebezustand versetzt hat", sagt der 19-jährige Student Gagan Thapa. Er trägt schwarze Hosen und ein rotes T-Shirt, mit seinen Freunden trinkt er eine Cola am Rande der staubigen Hauptstraße. Nach einem weiteren Beben, das am späten Montagabend die Erde wackeln ließ, bleiben Schulen und Universitäten geschlossen.