ZEIT ONLINE: Der Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) dauert nun schon zehn Monate. Wie stark ist es den Peschmerga in dieser Zeit gelungen, die Terrorgruppe zu schwächen?

Mustafa Sajid Kadir: Als die IS-Kämpfer im vergangenen Sommer Mossul einnahmen, waren sie sehr stark. Sie rückten mit schweren Waffen aus Syrien ein und erbeuteten in Mossul, Tikrit und anderen Städten weiteres Gerät aus den Kasernen der irakischen Armee. Dadurch waren sie sehr gut ausgerüstet. Damals waren wir nicht vorbereitet auf diesen Krieg, sodass wir uns zunächst zurückziehen mussten. Durch die Hilfe Amerikas und der Alliierten ist es uns seitdem gelungen, den Vormarsch des IS zu stoppen.

ZEIT ONLINE: Aber der Krieg geht weiter. In die Offensive gehen konnten die Peschmerga bisher nicht.

Kadir: Gemeinsam mit den Amerikanern arbeiten wir an einem Plan, das zu schaffen. Schon jetzt ist es uns gelungen, 20.000 Quadratkilometer Territorium zurückzuerobern. Wir haben dem IS schwere Verluste zugefügt, seit vergangenem Sommer haben sie mehr als 8.500 Mann verloren. Der IS ist erheblich geschwächt, dennoch ist er nach wie vor sehr gefährlich.

ZEIT ONLINE: Wie groß sind die Verluste auf Ihrer Seite?

Kadir: 1.200 Peschmerga sind gefallen, außerdem haben wir 5.900 Verletzte zu beklagen. Hinzu kommen 59 Kämpfer in den Händen des IS, von denen wir nicht wissen, ob sie noch leben. Die meisten Verluste hatten wir zu Beginn des Krieges, als Selbstmordattentäter in unsere Reihen gestürmt sind oder mit Sprengstoff beladene Lastwagen auf unsere Einheiten zurasten. Inzwischen haben wir uns auf den Gegner besser eingestellt – auch dank der deutschen Milan-Lenkraketen können wir jetzt besser auf solche Angriffe reagieren.

ZEIT ONLINE: Wie viele Peschmerga sind entlang der 1.050 Kilometer langen Grenze Kurdistans im Einsatz?

Kadir: 60.000 Kämpfer sind stets an der Front präsent. Sie wechseln sich Woche für Woche mit der gleichen Zahl von Soldaten ab – das macht insgesamt 120.000 aktive Soldaten. Hinzu kommen 60.000 Männer, die als Reserve umgehend mobilisiert werden können.

ZEIT ONLINE: Brauchen ihre Kämpfer mehr Waffen?

Kadir: Selbstverständlich. Unsere Bestände stammen größtenteils noch aus der Zeit des Regimes von Saddam Hussein. Wir benötigen Panzer und panzerbrechende Waffen, aber auch Hubschrauber. Was wir außerdem brauchen, sind Technik und Know-how zur Räumung verminter Gebiete.

ZEIT ONLINE: Was kann Deutschland tun?

Kadir: Wir haben Verteidigungsministerin von der Leyen eine Liste überreicht, auf der unsere Wünsche genau aufgeführt sind. Die Ausbildung unserer Peschmerga-Kämpfer durch die Bundeswehr sollte fortgeführt werden.

Interesse an 180.000 ausrangierten G36-Gewehren?

ZEIT ONLINE: Die Bundeswehr will 180.000 G36-Sturmgewehre ausrangieren, die wegen mangelnder Zielgenauigkeit nicht mehr benutzt werden sollen. Würden die Peschmerga diese nehmen?

Kadir: Wir sind schon jetzt sehr dankbar für die Hilfe aus Deutschland. Mit diesen 180.000 Gewehren könnten alle unsere Peschmerga ausgerüstet werden, auch wenn ich natürlich die Details noch prüfen müsste.

ZEIT ONLINE: Haben Sie mit Verteidigungsministerin von der Leyen über die G36-Gewehre bereits gesprochen?

Kadir: Nein, noch nicht.

ZEIT ONLINE: Momentan gibt es schwere Kämpfe in der Anbar-Provinz im Westirak um die Stadt Ramadi. Wird es bis Ende 2015 eine Rückeroberung von Mossul geben?

Kadir: Die irakische Armee hat Tikrit wieder unter Kontrolle. Auch Mossul wollen wir dem "Islamischen Staat" noch in diesem Jahr entreißen. Wir werden gemeinsam und mit allen verfügbaren Kräften vorgehen – Peschmerga, irakische Armee und amerikanische Luftwaffe. Die Rückeroberung von Mossul liegt nicht nur im Interesse der Regierung in Bagdad, auch im Interesse Kurdistans. Für den "Islamischen Staat" kämpfen Tausende Männer und Frauen, die aus allen Teilen der Welt stammen. Wenn wir Mossul befreien, tun wir das nicht nur für uns, sondern auch für Europa und für die gesamte Welt.

ZEIT ONLINE: Neben ihrem Schreibtisch stehen die irakische und kurdische Fahne nebeneinander. Wenn wir in drei Jahren wiederkommen, wird dann nur noch die kurdische Fahne dort stehen?

Kadir: Drei Jahre sind zu früh, auch fünf Jahre. Unser Ziel bleibt ein unabhängiges Kurdistan. Das aber wollen wir nicht mit Gewalt und Krieg durchsetzen, sondern mit demokratischen Mitteln.