Emina bewegt ein imaginäres Lenkrad hin und her. "Brrrm, brrrrrrm – habt ihr verstanden? Auto fahren!" An der Wand vor ihr hängt ein Whiteboard, sie schreibt darauf in großen Druckbuchstaben: GUIDARE. Autofahren auf Italienisch. Vor ihr sitzen um einen Holztisch sieben junge Männer auf Hockern und Plastikstühlen. Es ist 20 Uhr in einem kleinen Kulturzentrum im sizilianischen Acireale. Die Männer sind gekommen, um Italienisch zu lernen.

Die Wände des Zentrums Mistero Buffo, benannt nach einem Opernhelden von Dario Fo, sind voll mit Plakaten und Notizzetteln. Hier finden normalerweise kulturelle Veranstaltungen statt. Seit einigen Jahren unterrichten Ehrenamtliche hier Italienisch für Migranten. Migranten, das bedeutet auf Sizilien meistens: Flüchtlinge. Genauer: Bootsflüchtlinge.

Am Nachbartisch sitzen acht Männer und zwei Frauen und lernen die Vergangenheitsform. Io sono andato al Comune. Ich bin aufs Amt gegangen. Drei Ägypter sind heute zum ersten Mal in der Anfängergruppe dabei. Sara Scudero weiß nicht viel über sie. Sie hat die meisten, die heute hergekommen sind, schon nach ihren Geschichten gefragt. Manche erzählen viel von sich, andere wollen überhaupt nichts Preis geben. Viele sind von ihren Erlebnissen auf der Flucht traumatisiert. Sara arbeitet als freiwillige Helferin im Mistero Buffo.

Wie Sara und Emina engagieren sich viele junge Menschen auf Sizilien ehrenamtlich in Vereinen. Fast alle sind irgendwo Mitglied, jeder setzt sich für irgendwas ein. Und meistens hat es mit Flüchtlingen zu tun.   

Acireale ist ein kleiner Ort an der sizilianischen Ostküste. Enge Gassen mit leicht heruntergekommenen Häusern, Kirchen an jeder Straßenecke, kleine Bars und Pizzerien, ein Steinstrand und ein weitläufiger zentraler Platz. Und: auffällig viele junge Afrikaner auf den Straßen. Jeden Abend versammeln sie sich auf dem Platz, denn hier gibt es freies W-Lan. Viele Sizilianer sagen, sie fühlen sich Afrika näher als Europa. Manche, die das sagen, meinen es ernst. Andere sagen es zum Spaß, wegen all der nordafrikanischen Einwanderer, die ihr Glück auf dieser Seite des Mittelmeeres suchen.

Catania – Start der Suche nach Glück

Für viele dieser Glückssucher beginnt Europa in Catania. Die zweitgrößte Stadt Siziliens liegt eine halbe Autostunde südlich von Acireale, etwa 350.000 Menschen leben hier. Die Stadt und vor allem ihr Hafen haben es in den vergangenen Tagen wieder in die internationalen Fernsehnachrichten geschafft. Hierher brachte die italienische Küstenwache die Überlebenden der beiden großen letzten Bootsunglücke. Fürs Erste bleiben die meisten von ihnen auf Sizilien.

In der Innenstadt von Catania ist Markt: Ein enges Chaos aus Karotten, Auberginen, Tintenfisch und Austern, Hemden, Sonnenbrillen, Frauen, Männern, Händlern und Touristen. Er könnte genau so in Accra, Dakar oder Lagos aufgebaut sein. Der Markt ist längst über seinen zugewiesenen Platz, die Piazza Carlo Alberto di Savoia hinausgewuchert. Auch entlang der umliegenden Straßen preisen Händler ihre Waren an, Autos hupen, Fußgänger schlängeln sich zwischen Mopeds und Kleinwagen durch den Verkehr. Eine unberechenbare Masse an Menschen und Waren.

Genau so beschreibt die italienische Regierung immer wieder ihr Flüchtlingsproblem. Als unberechenbare Masse. Die Menschen in Catania schmunzeln, wenn sie Nachrichten hören zum "Gipfeltreffen in Brüssel". Zwei alte Männer verlassen mit vollen Tüten den Markt. Europäische Migrationspolitik? Damit können sie nichts anfangen. "Die Leute kommen eben. Sie sind immer schon gekommen und sie werden immer kommen." Basta.