Residence degli aranci – die Orangenbaumresidenz. Das klingt nach Botticelli und Dolce Vita, nach Spaziergängen in blühenden, sprudelnden Gärten in Bella Italia. Aber die von Stacheldraht umzäunte und militärisch bewachte Anlage ist alles andere als ein Lustgarten. Seit 2011 ist hier das größte europäische Flüchtlingslager untergebracht: Cara di Mineo, benannt nach einem zehn Kilometer entfernten Dorf.   

Vor dem Eingangstor sitzt Ahmad auf einer Leitplanke am Straßenrand und tippt auf seinem Smartphone herum. Vor ihm auf dem Boden: ein alter grauer Röhrenfernseher, ein Trolley, eine Plastiktüte mit Kleidern, ein Fahrrad und eine Damenhandtasche.

Hinter ihm stehen kleine in hellen Rot- und Gelbtönen angestrichene Häuser akkurat aufgereiht inmitten von endlosen und tatsächlich blühenden Orangenhainen. Das Gelände ist groß und gut bewacht. Nur mit Einlasskarte kommt man rein und raus. 

Ahmad wartet auf einen Fahrer, er zieht aus. "Ich fahre nach Catania zu einem Bruder, zwei Jahre war ich im Camp." Es waren zwei leere Jahre. "Wir essen Pasta, trinken Wasser, schlafen. Fahren ein bisschen Fahrrad, spielen Fußball." Das war's. Keine Inspiration, keine Aufgabe, kein Unterricht außer einem viermonatigen Italienischkurs. 

3.241 Asylsuchende leben in der ehemaligen Wohnanlage für US-Soldaten, zumindest nach offiziellen Angaben des italienischen Innenministeriums. Sozialarbeiter berichten von bis zu 4.000 Menschen, teilweise leben sie zu fünft oder sechst in kleinen Zimmern, in langen Schlangen müssen sie aufs Essen warten, bei der Ausgabe gibt es immer Streit. Baba, ein anderer junger Mann der vor dem Eingang tatenlos darauf wartet, dass seine Zeit vergeht, zeigt ein Foto auf seinem Handy: eine vergammelte Matratze auf dem Boden, sein Bett. Journalisten dürfen das Lager nicht betreten, höchstens eine Führung unter Aufsicht ist ihnen gestattet.   

Lukrativer als Drogen

Jeden Tag, den Baba und Ahmad im Cara di Mineo ausharren, verdienen die Betreiber viel Geld an ihnen. "Mit Flüchtlingen lässt sich mehr Geld machen als mit Drogen." Dieses in Italien landesweit bekannte Zitat stammt aus einem abgehörten Telefonat von Salvatore Buzzi, dem Vorsitzenden der Genossenschaft 29. Juni, ein wichtiger Kopf der Mafia Capitale, der römischen Hauptstadtmafia. Ende 2014 kam ein riesiger Skandal an die Öffentlichkeit: Die Mafia Capitale hatte jahrelang Millionengeschäfte mit Hilfsgeld aus den Sozialkassen gemacht. Flüchtlinge und Roma waren ihr bestes Geschäft.

Ermöglicht hat das System der 2011 von Berlusconis Regierung eingeführte Notstandsplan Nordafrika. Nach dem Arabischen Frühling kamen immer mehr Flüchtlinge, immer mehr Menschen wollten übers Meer nach Italien, die staatlichen Einrichtungen waren überfordert. Also bot der Staat Privatleuten, die Unterkünfte bereitstellten, 45 Euro pro Tag und Flüchtling; für Essen, Unterkunft, Betreuung. Ein neuer Geschäftszweig entstand. 

Im Zuge dieses Gesetzes ist auch Mineo entstanden. Ein halbes Jahr vorher waren die US-Soldaten mit ihren Angehörigen ausgezogen, das Betreiberkonsortium witterte ein großes Geschäft. Der Notstandsplan endete zwei Jahre später im Februar 2013 und kostete den italienischen Staat 1,3 Milliarden Euro. Doch die Flüchtlinge kamen weiterhin und wenige Monate später wurde das System wieder weitergeführt.

Der Tagessatz ist inzwischen etwas gesunken: 35 Euro pro Flüchtlinge pro Tag. Immer noch ein lohnendes Geschäft, wenn man so viele wie möglich auf engem Raum unterbringen kann.

Ein junger Mann kommt mit einem Einkaufswagen aus dem Tor gefahren. "Yeah man, gehst du einkaufen?" ruft ihm ein Freund entgegen und lacht sofort über seinen eigenen Witz. "Es gibt doch keinen Laden hier. Und außerdem haben wir kein Geld. Ein halbes Jahr bekommt jeder 2,50 Euro Taschengeld, danach gibt’s nichts mehr."  

Die Flüchtlinge haben eigene Marktstrukturen aufgebaut: Einer fährt mit dem Bus nach Catania und kauft Zigaretten, im Lager verkauft er sie teurer weiter und verdient ein paar Euro. Der junge Mann mit dem Einkaufswagen kam mit einer Ladung Fahrradteile aus dem Nachbardorf, im Lager verkaufte er Sättel, Reifen, Lenkstangen und Felgen. Es gibt alles zu kaufen in Mineo, auch ohne Laden: Kleider, Handys, Drogen, Frauen, Schlepper-Fahrten nach Nordeuropa.