Aus der Innenstadt von Thessaloniki zur Uferpromenade führt eine schmale Straße. Cafés haben ihre Stühle und Tische hinausgestellt in die Frühlingssonne. Eine Geigerin, ganz in Schwarz gekleidet, spielt Beethovens Ode an die Freude, vor ihr liegt ein Hut für das Kleingeld der Passanten. Damit keine Autos hindurchfahren können, ist die Straße an beiden Enden provisorisch abgesperrt mit rot-weißen Baustellenschranken. Vor zwei Jahren hat die Stadtverwaltung die Sperren einfach mal aufgestellt, um zu sehen, was dann passiert. Verkehrschaos? Blieb aus. Jetzt bauen sie die Straße langsam um, zur Fußgängerzone.

Moment, worum geht es hier?

Griechenland ist: Mittelfinger-Minister Varoufakis, Neosozialist Tsipras. Nächtliche Verhandlungen in EU-Sälen. Reformlisten, die nicht losgeschickt werden oder nicht ankommen. Staatsanleihen. Der Euro, rein oder raus? Troika oder Demokratie? Die in Brüssel, die in Athen.

Das stimmt. Aber es gibt auch andere Geschichten. Zum Beispiel in Thessaloniki, wo Konstantinos Sfikas wie ein Flummi durch seine Stadt springt, vorbei an alten Palästen und neuen Mietskasernen, an Hässlichem und dem vielen Schönen, das so lange vergessen war. Früher war Sfikas Bankangestellter, jetzt ist er Thessalonikis wichtigster Stadtführer.

Das kam so: Bei der Bank hatte Sfikas vor vielen Jahren einen Kunden, den Millionär und Winzer Yannis Boutaris. 2010 trafen sich die beiden zufällig wieder, in einem Restaurant. Sfikas hatte mittlerweile hingeschmissen und war Touristenführer geworden, Boutaris war Rentner und kandidierte jetzt für die Oberbürgermeisterwahl. "Wenn ich gewählt werde, rufe ich Dich einen Monat später an", versprach Boutaris. Er gewann knapp, und 30 Tage danach klingelte Sfikas' Telefon. Seitdem haben der Bürgermeister und der Stadtführer gemeinsam die Vergangenheit der Stadt wieder ausgegraben. Was früher Tabu war, verkaufen sie nun als Reichtum, machen es zum touristischen Kapital. 

Syriza? "Das sind totale Idioten"

Boutaris sitzt jetzt in der Brasserie Plaisir, ein später Frühlingsabend am Aristoteles-Platz, direkt an der Promenade. Vor ihm eine große Tasse schwarzer Kaffee und ein Eisbecher. Der Bürgermeister redet mit der leisen, krächzigen Stimme des greisen Kettenrauchers, der er ist – Camel, filterlos. Er schimpft auf Syriza, die Regierungspartei, und wie. "Ich hasse sie. Das sind totale Idioten. Der größte Teil von Syriza denkt, wir wären hier auf Kuba. Oder in der Sowjetunion der 1920er Jahre." Aber – und das ist das Besondere – für ihn ist das noch lange kein Grund, sie zu blockieren. "Wir haben eine Regierung, die in Verhandlungen mit der EU über eine bessere Zukunft ist. Wir müssen die unterstützen. Wir müssen den Leuten auch zeigen, dass wir verstanden haben, wie groß unsere Probleme sind, und dass wir deshalb nicht nur rumschreien."

Zu den vielen Merkwürdigkeiten, die in Griechenland den Absturz in die Krise erleichtert haben und nun den Ausweg umso schwerer machen, gehört der absurde Zentralismus. Die Städte haben keine eigenen Unternehmenssteuern, sie bekommen ihr Geld aus Athen zugewiesen, nach Gutdünken der Regierung. Nicht mal seinen Hafen darf Boutaris selbst verwalten. Im Zweifelsfall kann Athen alles selbst machen. Auch das, wovon es keine Ahnung hat, weil es weit weg ist.

Die Türken zurückgeholt in die Stadt

Boutaris' Vorgänger sitzt übrigens mittlerweile im Gefängnis. Lebenslang, wegen Veruntreuung. Die Stadt hatte viele Jahre ganz einfach keine Sozialabgaben für ihre Angestellten bezahlt. Aufgefallen war das niemandem.

Boutaris hat nun, unter anderem, die Türken zurückgeholt in die Stadt. Noch bis vor 90 Jahren wurde die Stadt aus Konstantinopel regiert, und noch heute meinen die Griechen, wenn sie von "Polis" sprechen, der Stadt, nicht etwa sich selbst, sondern jenes Konstantinopel, das heutige Istanbul. Der Gründer der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, wurde in Thessaloniki geboren, aber türkische Touristen kamen in den vergangenen Jahren trotzdem kaum hierher. Nun wurde seine Geburtshaus renoviert, und es gibt eine direkte Flugverbindung aus Istanbul. Der Bürgermeisterfreund und Stadtführer Sfikas führt deshalb nun Touristen auf den Spuren der Osmanen durch die Stadt, aber auch auf denen der Juden, die Jahrhunderte hier die Mehrheit stellten, und auf denen Alexanders des Großen.