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Die Morde an den bekannten Regierungskritikern Oleh Kalaschnikow und Oles Buzina Mitte des Monats in Kiew haben in der Ukraine viele Befürchtungen geweckt. Inzwischen hat sich eine nationalistische Gruppierung zu den Attentaten am 15. und 16. April bekannt und gedroht, weitere "antiukrainische" Menschen zu töten. Was steckt dahinter?

Der ukrainische Politikwissenschaftler Wladimir Fessenko erhielt am Tag nach der zweiten Tat eine E-Mail einer Gruppe, die sich Ukrainische Aufständische Armee (UPA) nennt. Sie bekannte sich zu mehreren Morden, darunter die an Kalaschnikow und Buzina. In der E-Mail hieß es: "Wir beginnen einen rücksichtslosen Rebellenkampf gegen das antiukrainische Regime von Verrätern und Schuften Moskaus, und von jetzt an werden wir mit ihnen nur in der Sprache der Waffen sprechen, bis zu ihrer vollständigen Zerstörung."

Historische Gruppen

Der Name der Gruppe geht auf eine historische nationalistische Bewegung zurück, die zwischen 1943 und 1954 gegen die Sowjetherrschaft kämpfte und von radikalen Teilen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) gegründet wurde. Sowjetische Politiker und Historiker haben die OUN und die UPA dämonisiert; russische Medien betiteln alle modernen ukrainischen Nationalisten, selbst die moderaten, die die Unabhängigkeit der Ukraine unterstützen, immer noch als Banderowzy – abgeleitet von Stepan Bandera, dem Anführer einer der radikalen Fraktionen der OUN.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat einen ganz anderen Verdacht: Die beiden Morde seien eine "absichtliche Provokation" gewesen, die darauf ziele, "die Ukraine innenpolitisch zu destabilisieren und die politischen Entscheidungen in der ukrainischen Bevölkerung zu diskreditieren". Poroschenko sagte auch, er werde die Ermittlungen persönlich überwachen. Premierminister Arseni Jazenjuk kündigte an, die besten Spezialisten der Generalstaatsanwaltschaft und der Polizei würden sich mit diesen Verbrechen befassen.

Indizien und Spekulationen

Währenddessen gibt es unzählige Spekulationen und eine ganze Reihe vernünftiger Theorien, die die Hintergründe der Morde an Kalaschnikow und Buzina erklären könnten. Im Fall Kalaschnikow schließt die Polizei etwa "wirtschaftliche Faktoren" nicht aus. In der Tat: Angesichts der massiven Korruption des Janukowitsch-Regimes könnten frühere Mitglieder der Partei der Regionen weiterhin betrügerische Gewinne unter sich aufteilen. Kalaschnikow könnte durchaus von früheren Partnern ermordet worden sein.

Vor dem Hintergrund der Bekennernachricht der UPA ist die populärste Theorie allerdings jene, dass die russischen Sicherheitsbehörden beteiligt gewesen sein könnten. Anton Geraschenko, ukrainischer Abgeordneter und Berater des Innenministers, sagte, er könne nicht ausschließen, dass der Mord an Buzina "von den russischen Sicherheitsbehörden organisiert wurde, um eine Atmosphäre des Terrors in Kiew zu schaffen und die Hysterie in den russischen Medien weiterzutreiben"; das würde "den Boden bereiten für die russische Propaganda, die der Ukraine Faschismus vorwirft".

Die russische Führung hat den Mord an Buzina natürlich bereits für ihre Zwecke instrumentalisiert. Wenige Minuten nachdem sein Tod bekannt geworden war, kommentierte der russische Präsident Wladimir Putin während einer im Fernsehen übertragenen Fragestunde: "Es war nicht das erste politische Attentat in der Ukraine. Die Ukraine hat es mit einer ganzen Reihe solcher Morde zu tun." Anschließend verwies er auf die vorgeblich erfolgreichen Ermittlungen zum Mord an dem russischen Oppositionsführer Boris Nemzow und ergänzte: "In der Ukraine, die danach strebt, ein demokratisches Land zu werden, und Mitglied in einem demokratischen Europa werden will, gibt es keine gründlichen Ermittlungen bei diesen Verbrechen."

Einiges spricht für die UPA-Theorie

Während eine russische Beteiligung nicht ausgeschlossen werden kann, wird in der Ukraine nur wenig über die einfachste Theorie zu den Morden an Kalaschnikow und Buzina diskutiert: nämlich, dass die beiden wirklich von einer rechtsextremen Gruppe ermordet wurden, die sich Ukrainische Aufständische Armee nennt. Einiges spricht dafür.

Der Direktor der Hauptermittlungsabteilung des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes, Wasyl Wowk, erklärte allerdings, es gebe keinerlei Informationen über die Existenz der UPA, sie sei eine Schein-Organisation. Die Heimatschutz-Abteilung, die radikale ukrainische Bewegungen und Organisationen beobachtet, mag keine Informationen über die UPA haben, dies beweist allerdings nicht, dass eine solche Gruppe nicht existiert.

Mord an einem Polizisten 2014