Die russische Ausgabe der Zeitung Forbes hat einen Bericht veröffentlicht, wonach der ukrainische Präsident Petro Poroschenko während der Friedensverhandlungen in Minsk im Februar dem russischen Präsidenten Wladimir Putin angeboten haben soll, den Donbass an Russland abzutreten. Dies habe Putin bei einem Treffen mit der Union der Industriellen und Unternehmer hinter verschlossenen Türen gesagt, wie Forbes unter Berufung auf einen Teilnehmer des Treffens berichtete.

Der Quelle zufolge berichtete Putin, Poroschenko habe gesagt, er solle den Donbass nehmen. Putin habe geantwortet, er könne den Donbass nicht gebrauchen. Wenn die Ukraine den Donbass nicht brauche, solle er die Unabhängigkeit des Donbass erklären. Dies könnte die ukrainische Regierung nicht machen, habe daraufhin Poroschenko geantwortet, schreibt Forbes. Putin forderte, dann solle die Ukraine den Menschen in der Region wieder ihre Renten zahlen und das Bankensystem wiederherstellen.

Ein anderer Teilnehmer des Industriellentreffens, der anonym bleiben wollte, sagte Forbes zufolge, Poroschenko habe Putin gesagt, er solle den Donbass finanziell unterstützen. Dies, wird Putin weiter zitiert, sei nur möglich, wenn der Donbass Teil Russlands würde. Solange der Donbass zur Ukraine gehöre, müsse die Ukraine alle Zahlungen leisten.

In dem Gespräch mit den Industriellen habe Putin gesagt, er erwarte nicht, dass die Ukraine das zweite Minsker Abkommen umsetzen werde. Statt den Konflikt zu lösen, wolle die Ukraine die Regionen Donbass und Luhansk militärisch besiegen oder wirtschaftlich zerstören. Die Ukraine habe den Regionen noch keine größere Autonomie zugestanden, wie es in Minsk vereinbart worden sei.

Putin rechnet mit andauernden Sanktionen

Die europäischen Staatschefs würden zwar sehen, dass die Ukraine die Vereinbarungen breche, aber es nutze den USA, den Konflikt fortzuführen. Laut Forbes sagte Putin, die USA wollten Europa und Russland zerreißen. Daher müssten sich die Unternehmer darauf einstellen, dass die Sanktionen gegen Russland noch lange bestehen bleiben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel versuche allerdings, Poroschenko zu einer Lösung des Konflikts zu bewegen. Die Frage sei, sagte Putin laut Forbes, ob Poroschenko auf die USA oder die EU höre.

Putins Sprecher, Dmitri Peskow, sagte Forbes, er könne die Aussagen nicht kommentieren, da sie hinter verschlossenen Türen gemacht worden seien.

Poroschenko will Referendum ermöglichen

In der Frage einer staatlichen Neuorganisation der Ukraine hat in Kiew erstmals eine Verfassungskommission getagt. Poroschenko kündigte bei der Sitzung an, die Machtbefugnisse dezentralisieren zu wollen. Die abtrünnigen Regionen Donezk und Luhansk könnten mehr Machtbefugnisse bekommen.

Die Bereiche Verteidigung, Sicherheit und Außenpolitik müssten weiter zentral verwaltet werden, sagte Poroschenko. Eine weitgehende föderale Staatsstruktur lehnt er erneut ab. "Die Ukraine war, ist und wird ein Einheitsstaat bleiben", sagte der Präsident. Er werde sich aber einer Volksabstimmung über eine Föderalisierung des Landes nicht entgegenstellen, sollte sich der mit der Verfassungsänderung beauftragte Parlamentsausschuss dafür aussprechen.

Jahrestag der Machtübernahme in der Ostukraine

Vor einem Jahr hatten prorussische Separatisten Verwaltungsgebäude in der Ostukraine besetzt und die Unabhängigkeit erklärt. In dem Krieg, der sich seither in der Region entwickelt hat, sind mehr als 6.000 Menschen gestorben. In der belarussischen Hauptstadt Minsk wurde erstmals im September 2014 ein Abkommen geschlossen, um den Konflikt zu lösen. Nachdem die Kämpfe in der Folge nicht eingestellt wurden, schlossen die Ukraine und die Separatisten am 12. Februar in Minsk ein weiteres Abkommen.

Zum Jahrestag zitiert der schweizerische Tagesanzeiger Nikolai Petrow, Professor an der Hochschule für Wirtschaft in Moskau. Petrow nach habe Putin seine wichtigsten Ziele erfüllt. Russlands Präsident habe eine "Sperrminorität" in der Ukraine erhalten. Er könne damit unliebsame Entscheidungen wie einen Nato-Beitritt verhindern. Auch eine weitere Annäherung Kiews an die EU ist laut Petrow kaum denkbar, solange der Konflikt in der Ostukraine ungelöst ist.

Nach Ansicht des russischen Politikanalysten Konstantin Kalatschew folgte Putin dabei keiner langfristigen Strategie. Als der russische Präsident sich in den Konflikt in der Ukraine stürzte, habe er vorwiegend nach der Maxime Napoleons agiert: "Erst handeln, dann wird man sehen", sagt Kalatschew.