Oles Buzina war Journalist, Boris Nemzow Politiker. Der eine lebte in Kiew, der andere in Moskau. Der eine schrieb gegen eine unabhängige Ukraine an, der andere engagierte sich von Russland aus für den Maidan. Beide wurden erschossen. Doch während auf Nemzows Tod weltweit Empörung und Trauer folgten, fiel die Anteilnahme für Buzina verhalten aus.

Sicher, Nemzow war früher stellvertretender Ministerpräsident und weitaus bekannter als Buzina. Aber es war ja nicht nur der Journalist, der starb: Auch der Politiker Oleh Kalaschnikow, einst Mitglied in Janukowitschs Partei der Regionen und der Journalist Sergej Suchobow wurden getötet. Hinzu kommt eine Reihe von Politikern, die allesamt in Viktor Janukowitschs Partei der Regionen aktiv war und angeblich Suizid verübt hat.

Noch ist nicht klar, wer oder was hinter den Todesfällen steckt, ob sie überhaupt zusammenhängen, wie oft private Dramen oder geschäftliche Verstrickungen eine Rolle gespielt haben. Selbst aus dem Umkreis des Oppositionsblocks, dem Fortbestand von Janukowitschs Partei der Regionen, gibt es Beobachter, die jene Bekennerschreiben einer angeblichen Ukrainischen Aufständischen Armee für gefälscht und eine russische Einmischung für denkbar halten. Doch dass der ukrainische Präsident nach dem Mord an Buzina sofort von einer politischen Provokation sprach (und fast wie Wladimir Putin nach dem Mord an Nemzow klang) anstatt sich in Zurückhaltung zu üben, dass die ukrainischen Behörden bislang die wichtigsten Ermittlungen schlampig bis fahrlässig führen (die Erschießungen auf dem Maidan, die Tragödie in Odessa am 2. Mai mit mehr als 40 Opfern), ist fatal.

Zu den Aufgaben eines demokratischen Staates gehört es, jene zu schützen, die sich bedroht fühlen. Doch spricht man mit Oleg Woloschyn, einem politischen Analytiker, der dem Oppositionsblock sehr nahe steht, dann beklagt er das feindliche Klima, das die Radikalen in der Ukraine geschaffen haben; in dem jeder als "Verräter" gilt, der sich nicht mit dem Maidan identifiziert und die Nähe zu Russland sucht, wie es der Oppositionsblock tut. In Iwano-Frankiwsk hat der Rechte Sektor gerade erst wieder öffentlichkeitswirksam einen Politiker geschlagen und in einer Mülltonne "entsorgt", angeblich wegen Korruption, aber es dürfte keine ganz geringe Rolle gespielt haben, dass der Mann kurz zuvor den Oppositionsblock registriert hatte. 

Der Berater des Innenministers droht Oppositionspolitikern im Fernsehen, in Dnipropetrowsk feiert ein einflussreicher Politiker den Mord an Buzina als "ein Stück Scheiße weniger". Es gibt eine Website, die, so muss man es sagen, denunziert. Sie wird von Freiwilligen betrieben, darunter dem Berater des ukrainischen Innenministers, die Zusammenarbeit mit dem Innenministerium und dem ukrainischen Geheimdienst ist eng. Auf der Seite werden Fotos, Adressen oder Telefonnummern von Menschen veröffentlicht, die jemand als Terroristen, Separatisten, Söldner oder Kriegsverbrecher "gemeldet" hat. 32.000 Profile gibt es bereits, Tausende sollen folgen. Buzina hatte auch eins: Es klassifizierte ihn als Separatist.       

Wer auf dem Maidan demonstriert hat, muss sich zwangsläufig mit einer Partei wie dem Oppositionsblock schwertun. Fast alle Abgeordneten haben für jene katastrophalen Gesetze am 16. Januar 2014 gestimmt, die aus der Ukraine eine Diktatur gemacht hätten und die Proteste auf dem Maidan eskalieren ließen. Geführt wird die Partei heute von Janukowitschs altem Freund aus Donezk, dem Oligarchen Boris Kolesnikow. Das ist das neue alte Gesicht der Opposition. Man muss diese Opposition nicht mögen, man muss auch nicht mit ihr zusammenarbeiten, aber respektieren muss man sie. Diese Partei ist ins Parlament gewählt worden – und zwar vor allem von Wählern, die im Osten der Ukraine leben, in Donezk und Luhansk.  

Die Gnadenlosigkeit gegen politische Gegner war ein Merkmal des alten Regimes. Das alte Regime zu überwinden war das Ziel der Maidanproteste. Gerade deshalb ist es so bedeutend, um die politische Kultur zu kämpfen, die sich jetzt etabliert. Radikale nicht länger gewähren zu lassen, wenn sie Andersdenkende (und zwar nicht nur des alten Regimes) drangsalieren und bedrohen – und womöglich sogar vor einem Mord nicht zurückschrecken. Dazu gehört auch, die Ermittlungen in allen Todesfällen, die politisch motiviert sein könnten, zur höchsten Priorität zu erklären. Denn auch an dem Umgang damit entscheidet sich, was für ein Staat die Ukraine sein wird.

Wladimir Putin meinte übrigens schon kurz nach der Ermordung von Oles Buzina zu wissen, dass es ein "politischer Mord" war und zeigte sich beunruhigt. Zur Erinnerung: Seit Putin im Jahr 2000 an die Macht kam, sind in Russland 19 Oppositionspolitiker, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten getötet worden. Keiner dieser Fälle wurde restlos aufgeklärt.