Andriy Pywowarsky sitzt in einen Konferenzraum neben seinem Büro, kurz vor 19 Uhr. Schräg gegenüber hängt eine Wandkarte mit allen Eisenbahnverbindungen des Landes, auch die von Russland besetzte Krim und der Donbass sind eingezeichnet. Die Karte stammt aus einer Zeit vor der Revolution, vor dem Krieg, so wie viele der Möbel und Wandfotos in seinem Ministerium. Über diese sowjetische Vergangenheit möchte Pywowarsky nicht reden. Eigentlich will er auch über die Kämpfe im Osten seines Landes nicht sprechen, eigentlich.

ZEIT ONLNE: Herr Pywovarsky, Sie sind ohne politische Vorkenntnisse Minister geworden. War das ihr Plan?

Pywowarsky: Niemals. Bis zum letzten Dezember war ich CEO einer der größten Finanzfirmen des Landes. Davor hatte ich als Investmentbanker gearbeitet, aber ich war niemals in einer Partei und hatte keine Pläne, in die Politik zu wechseln.

ZEIT ONLINE: Aber dann ...?

Pywowarsky: Dann bekam ich im vergangenen Sommer auf einmal einen Anruf aus der Präsidialverwaltung. Deren Chef, Borys Loschkin, sagte, komm doch mal vorbei, nur so, zum Plaudern. Das tat ich und sagte ihm, mir geht's gut, mein aktueller Job gefällt mir. Aber danach rief mich plötzlich ein Headhunter an und unser Ministerpräsident lud mich zu einem Gespräch ein. Ein Monat verging. Ich wusste nicht genau, was das alles sollte, bis ich wieder einen Anruf erhielt und mich der Präsident sprechen wollte. Nach einem zweiten Gespräch zusammen mit dem Ministerpräsidenten und dem Chef des Nationalen Sicherheitsrates boten sie mir einen neuen Job an. So wurde ich Minister für Infrastruktur.

ZEIT ONLNE: Sie sind kein alter Freund von Poroschenko?

Pywowarsky: Poroschenko und ich waren keine Freunde. Ich habe ihn nur vor einigen Jahren einmal getroffen, aber nicht länger mit ihm gesprochen.

ZEIT ONLINE: Waren Sie auf dem Maidan und haben die Revolution aktiv unterstützt?

Pywowarsky: Ich habe auch demonstriert, aber nicht jeden Tag. Ich war zu der Zeit verantwortlich für 50.000 Mitarbeiter und konnte meinen Job nicht komplett ruhen lassen. Dafür habe ich Medikamente und Lebensmittel für die Menschen auf dem Maidan gekauft. Damals war es unvorstellbar, wohin uns diese Revolution führt und für mich auch undenkbar, dass ich ein Jahr später Minister sein könnte. Wir haben inzwischen eine komplett neue Regierung. 15 von 16 Minister sprechen Englisch, jeder zweite hat ein Studium an einer westlichen Universität abgeschlossen, einige kommen sogar aus dem Ausland.

ZEIT ONLINE: Wie fühlt man sich, wenn man vom Demonstranten zum Minister wird?

Pywowarsky: Das ist unsere Chance, die Ukraine zu verändern. Das sage ich auch allen Kritikern. Wann immer mir jemand auf Facebook schreibt und meckert, biete ich ihm an mitzuhelfen. Jeder, der Energie und Ideen hat, kann in meinem Ministerium mitarbeiten. Kritisiert nicht nur, helft mit – das sage ich den Leuten.

ZEIT ONLINE: Nach der Revolution könnte die Konterrevolution kommen. Fürchten Sie einen Anti-Maidan?

Pywowarsky: Wir werden es schaffen. Es wird eine Weile dauern, aber wir werden dieses Land verändern. Polen hat Jahre gebraucht, um sich von einem alten sowjetischen System in ein modernes EU-Land zu wandeln. Wir schaffen das auch, aber nicht über Nacht, und natürlich wird es Höhen und Tiefen geben. Als ich das Angebot des Ministerpostens bekam, habe ich mit meiner Mutter gesprochen. Sie sagte, sei auf alles gefasst, wir befinden uns im Krieg, du kannst auch eingezogen werden und dann musst du an der Front kämpfen.

ZEIT ONLINE: Was machen Sie, wenn Mariupol angegriffen wird, die Hafenstadt, die seit Monaten als nächstes Ziel der prorussischen Separatisten gilt?