Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei einem Empfang im Präsidentenpalast in Ankara © Umit Bektas/Reuters

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat den Völkermord des Osmanischen Reiches an bis zu 1,5 Millionen Armeniern vor 100 Jahren als "traurige Ereignisse" bezeichnet. "An diesem Tag, der für unsere armenischen Bürger eine besondere Bedeutung hat, gedenke ich aller Osmanischen Armenier mit Respekt, die unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges ihr Leben verloren haben", heißt es in einer Erklärung des Präsidenten. "Ich spreche ihren Kindern und Enkeln mein Beileid aus." Eine Entschuldigung vom Staatsoberhaupt des Rechtsnachfolgers des Osmanischen Reiches enthielt die Mitteilung nicht.

Die Türkei lehnt es strikt ab, die tausendfachen Tötungen einen Genozid zu nennen. Erdoğans Erklärung wurde anlässlich eines Gedenkgottesdienstes im armenischen Patriarchat in Istanbul veröffentlicht. "Ich möchte noch einmal zum Ausdruck bringen, dass ich Euren Schmerz aufrichtig teile", hieß es in der Mitteilung weiter. "Ich möchte auch, dass Ihr wisst, dass die Tore unserer Herzen den Enkeln der Osmanischen Armenier auf der ganzen Welt weit offen stehen."

Erdoğan machte deutlich, dass sein Beileid nicht nur Armeniern gelte. "Mit Erbarmen und Respekt gedenke ich aller Osmanischen Bürger gleich welcher ethnischen und religiösen Identität, die während dieses Krieges unter ähnlichen Bedingungen ihr Leben verloren haben." Als erster türkischer Regierungsvertreter nahm EU-Minister Volkan Bozkır an einem Gedenkgottesdienst im armenischen Patriarchat in Istanbul teil. "Wir respektieren das Leid, das unsere armenischen Brüder erlebt haben", sagte Bozkır anschließend vor Journalisten.

Bei der zentralen Gedenkfeier auf einem Hügel am Rande der Innenstadt von Armeniens Hauptstadt Jerewan gedachten unter anderem der armenische Präsident Sersch Sargsjan, Frankreichs Präsident François Hollande, Russlands Präsident Wladimir Putin und weitere Politiker aus dem Ausland der Opfer des Völkermords. Sargsjan legte an der zentralen Gedenkstätte für die Hunderttausenden Opfer Blumen nieder.

"Nichts ist vergessen, nach hundert Jahren erinnern wir uns", sagte der Präsident. Sargsjan dankte den internationalen Gästen für ihre Verbundenheit mit dem armenischen Volk. Zugleich forderte er die Türkei auf, die Massaker im Osmanischen Reich als Völkermord anzuerkennen. Auch in der Türkei gab es mehrere nichtstaatliche Gedenkfeiern.

Hollande und Putin sprechen Armenien Solidarität aus

Hollande sagte, er verneige sich vor den Opfern. "Wir werden die Tragödie, die Ihr Volk erduldet hat, niemals vergessen", versicherte er. In der Türkei seien bereits "wichtige Worte" geäußert worden, doch würden noch weitere erwartet, sagte der französische Präsident. Frankreich wertet die Massaker selbst als Völkermord, die Türkei weist diesen Vorwurf zurück. Putin sagte, Massenmorde seien durch nichts zu rechtfertigen. Das russische Volk verneige sich an der Seite der Armenier. Russland, das ein enger Verbündeter Armeniens ist, spricht ebenso wie rund 20 weitere Länder von einem Völkermord.

Hundert Jahre nach den Ereignissen bezeichneten auch die beiden ranghöchsten deutschen Politiker, Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagspräsident Norbert Lammert, die Massaker an den Armeniern durch den damaligen Verbündeten als Völkermord. "Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, war ein Völkermord", sagte Lammert bei der Bundestagsdebatte zum Schicksal der Armenier.    

Bereits am Donnerstag hatte auch Bundespräsident Joachim Gauck den Begriff des Völkermords für die Massaker verwendet. "Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist", sagte er bei einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Berliner Dom.

Türkische Medien kritisieren Gaucks "hässliche Worte"

Türkische Medien haben mit teils scharfer Kritik auf die Rede des Bundespräsidenten reagiert. Gaucks Äußerungen seien "schockierend" gewesen, schrieb die Onlineausgabe der Zeitung Hürriyet. Die regierungsnahe Zeitung Sabah warf Gauck vor, das Osmanische Reich mit "hässlichen Worten" beschrieben zu haben. Beim ebenfalls regierungsfreundlichen Blatt Yeni Safak hieß es, Gauck habe mit seiner Rede seine Befugnisse überschritten. Die Zeitung Star kommentierte, der deutsche Präsident habe die Osmanen beinahe als Terroristen bezeichnet.

Nach armenischer Darstellung starben ab dem 24. April 1915 bis 1917 im Zuge der gezielten Vernichtung der armenischen Minderheit auf dem Gebiet der heutigen Türkei bis zu 1,5 Millionen Armenier.

Die Türkei spricht dagegen von 300.000 bis 500.000 getöteten Armeniern und ebenso vielen Toten auf Seite der Türken bei bürgerkriegsartigen Kämpfen und Hungersnöten. Der jetzige Präsident und damalige Regierungschef Erdoğan drückte im April 2014 den Armeniern erstmals sein Mitgefühl aus, doch weigert sich die Regierung weiter, die Massaker als Völkermord anzuerkennen. Eine entsprechende Bewertung durch ausländische Regierungen sorgt regelmäßig für wütende Reaktionen der türkischen Regierung.