Was hat Istanbul mit Nowosibirsk zu tun? Der Bosporus mit dem Ob? Auf den ersten Blick nicht viel, aber in diesem Monat verbindet die Bosporusmetropole und die sibirische Millionenstadt ein gemeinsames Schicksal. In beiden Städten tragen die Künstler Trauer. In Istanbul wie in Nowosibirsk griff die Staatsmacht ein, um die Kunst zu gängeln und auf ein für Bürokraten verträgliches Format zu pressen. Auf der Strecke blieb die Freiheit. Das ist mehr als eine Feuilletonnotiz, das ist leider große Politik.

In Istanbul kam es zu einem Eklat, als das türkische Kulturministerium die Vorführungen eines Films über den Alltag der kurdischen Arbeiterpartei PKK verbot. Das ist jene Partei, die – ganz nach der politischen Laune von Präsident Recep Tayyip Erdoğan – mal furchtbar "terroristisch" ist und mal der gesuchte Verhandlungspartner im sogenannten Friedensprozess mit den Kurden. Der Film Bakur (Norden) wurde aus dem Programm genommen, weil er kein richtiges Zertifikat habe, sagte das Kulturministerium. Ein Vorwand. Offenbar ist die Laune des Präsidenten gerade wieder: PKK gleich Terroristen. Kein Wunder, es stehen im Juni Wahlen an, und Erdoğan will die Stimmen türkischer Nationalisten.

In Nowosibirsk wurde eine Neuinszenierung von Richard Wagners Tannhäuser von staatlichen Behörden gestoppt. Das mächtige sibirische Opernhaus gehört zu den drei großen Häusern in Russland. Die Inszenierung des jungen Starregisseurs Timofej Kuljabin zeigte Tannhäuser als einen frustrierten Filmemacher, der einen Film über Jesus dreht. Skandalträchtig sicher, aber nicht politisch. Leider ist in Russland alles Politik. Erst machte die mit Präsident Putin verbündete erzkonservative orthodoxe Kirche Front gegen die Inszenierung, dann demonstrierte das "empörte Volk" vor der Oper, schließlich schlug der Staatsanwalt dazwischen, wegen "mutwilliger öffentlicher Schändung religiöser und liturgischer Literatur und Kultobjekte". Schließlich tauschte der Kulturminister den Intendanten aus, und der Neue setzte die Oper ab. Vorhang für Tannhäuser.

Es soll hier nicht verschwiegen sein, dass es in Russland wie in der Türkei große Proteste gegen die Zensur gab. Die Zivilcourage lebt. In Istanbul platzten Teile des renommierten Filmfestivals, weil viele Regisseure ihre Werke zurückzogen. In Nowosibirsk haben immerhin 2.500 Menschen es gewagt, gegen Kirchenradikalismus und Zensur zu demonstrieren, Proteste gab es auch in der Moskauer Kunstszene. Alle wissen, worum es geht.

In Russland wie in der Türkei sind Angriffe von oben gegen die Kunst zum Alltag geworden. Schon vor Jahren zog Erdoğan gegen darstellende und bildende Kunst zu Felde. In der östlichen Provinz Kars fuhr er einst an einer Statue vorbei, die Freundschaft zwischen Türken und Armeniern symbolisierte. Erdoğan nannte das Werk "monströs". Kurz darauf wurde es abgerissen. Erdoğan lässt mittlerweile Theateraufführungen zensieren, grenzt Regisseure aus und fordert "sittliche Werte" in der Kunst.

Genauso in Russland. Dort tragen Bücher Aufschriften wie "Vorsicht: Enthält unzensierte Schimpfwörter". Um auf den Index zu kommen, muss man nicht erst wie Pussy Riot auf dem Altar tanzen. Es reicht im Regal zu stehen: Kinderliteratur von Mark Twain und Astrid Lindgren wird aus den Bibliotheken entfernt, um "die Jugend zu schützen".

Was hier passiert, ist der Ausbau des autoritären Systems in der dritten Etappe. Erst die Politik, dann die Medien, dann die Kunst. In Russland verfolgt Putin diese Reihenfolge, seine Beamten gehen überlegt vor – und lassen in Kunstfragen vor allem die orthodoxe Kirche machen. In der Türkei macht Erdoğan irgendwie alles gleichzeitig und mehr nach persönlicher Laune. Das Ergebnis könnte möglicherweise das gleiche sein.

Unter Josef Stalin schuf der Staat eigene Kunstrichtungen. Der Sozialistische Realismus ward befohlen und prägte von den 1930er bis in die 1950er Jahre die Literatur, die darstellenden und bildenden Künste, sogar die Musik. Davon ist man in Russland und in der Türkei heute gewiss noch weit entfernt. Doch wehe, wenn Bürokraten in Russland und der Türkei nicht nur festlegen, was zu verbieten sei, sondern was sie selbst gern mal lesen und sehen möchten. Dann fällt der Vorhang für die Kunst.