Ein renommierter amerikanischer Journalist hat Präsident Barack Obama Lügen bei der Darstellung des Ablaufs der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden vorgeworfen. Bei der Vorbereitung und Ausführung des tödlichen Angriffs durch US-Elitetruppen im pakistanischen Abbottabad im Mai 2011 hätten entgegen der Angaben des Weißen Hauses Pakistans Armee und Geheimdienst eine wichtige Rolle gespielt, schrieb der Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh in der London Review of Books. Bin Laden sei nicht wie angegeben aufgespürt worden, sondern seit Jahren vom pakistanischen Geheimdienst ISI festgesetzt gewesen. Sein Versteck sei den USA gegen eine Geldzahlung verraten worden. 

Diese Geschichte machte am Montag weltweit Schlagzeilen.

Hersh beruft sich auf einen nicht namentlich genannten ehemaligen hochrangigen Geheimdienstmitarbeiter sowie langjährige Berater des Kommandos der Spezialeinheiten sowie Quellen in Pakistan. Da der Journalist sich im Wesentlichen nur auf eine Quelle beruft, äußerten mehrere Medien Zweifel an seiner Darstellung. So nannte der CNN-Reporter Peter Bergen die Story ein "Mischmasch aus Unsinn".

Die US-Regierung nannte den Bericht von Hersh "schlicht falsch". Die Tötung Bin Ladens sei durch und durch ein US-Einsatz gewesen, sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats von Obama.

Die US-Regierung hat bislang erklärt, Bin Laden ohne Kenntnis der pakistanischen Behörden im Alleingang aufgespürt und getötet zu haben. Laut Hersh waren die obersten Generäle und Geheimdienstchefs aber informiert. Die USA sollen einem pakistanischen Geheimdienstmitarbeiter eine Prämie in Höhe von 25 Millionen Dollar gezahlt haben. Dieser habe daraufhin Bin Ladens Versteck preisgegeben, in dem er seit 2006 vom pakistanischen Geheimdienst festgehalten worden sei, um ihn als Druckmittel gegen Al-Kaida-Aktionen in Pakistan und Afghanistan zu benutzen.

Unter anderem führt Hersh an, Bin Ladens angebliches Versteck sei nur 40 Meilen von Pakistans Hauptstadt Islamabad entfernt gewesen. In unmittelbarer Nähe hätten sich zudem eine Militärakademie und ein Kommandostützpunkt der Armee sowie eine Geheimdienstbasis befunden. Letztere sei der Grund für Bin Ladens Unterbringung in Abbottabad gewesen, damit ihn der Geheimdienst ISI unter "permanenter Beobachtung" behalten konnte, erläuterte Hersh.

Nach Hershs Angaben kam es bei der Tötung Bin Ladens auch zu keinem Gefecht, wie Obamas Regierung angegeben hatte. Die USA hätten den Al-Kaida-Chef sonst auch lebend festgenommen, so die Erklärung bisher. Hersh dagegen schreibt: "Es gab keinen Schusswechsel, als sie in das Gelände eindrangen; die ISI-Wachen waren fort." Nach seiner Tötung sei Bin Ladens Körper auch nicht wie behauptet nach islamischen Ritualen bestattet worden, sondern in einem Leichensack abtransportiert worden. Teile des Körpers seien während des Flugs in einem Helikopter hinausgeschleudert worden.

Stimmen Hershs Informationen, hätte Obama tatsächlich gelogen. Der US-Präsident hatte am 1. Mai 2011 mitgeteilt, "dass die USA einen Einsatz ausgeführt haben, bei dem Osama bin Laden, der Al-Kaida-Chef, getötet wurde". Ein Team der Navy Seals habe zum Abschluss der monatelang vorbereiteten Operation Neptune’s Spear Bin Laden in seinem Haus in Abbottabad, Pakistan, mit einem Kopfschuss zur Strecke gebracht. Danach sei Bin Laden im Arabischen Meer bestattet worden, gemäß muslimischen Riten und binnen 24 Stunden nach seinem Tod.

Ist Hershs Version glaubwürdig?

Bereits kurz nach der Veröffentlichung wurden Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Hershs Aussagen laut. Kritiker bemängeln an seinen Ausführungen, dass er sich im Wesentlichen lediglich auf den einen anonymen Geheimdienstmitarbeiter beruft.

Namentlich in Hershs Text genannte Quellen widersprechen der Version zwar nicht, legen aber auch keine konkreten Beweise oder Dokumente vor, die sie stützen würden. Auch verfüge keine seiner Quellen über Informationen aus erster Hand, heißt es auf der Plattform vox.com.  

Darüber hinaus gebe es Widersprüche in Hershs Ausführungen. So beruhe seine Geschichte auf einem geheimen Abkommen, demzufolge die USA Pakistan für die Kooperation erhöhte Militärhilfen und eine "freiere Hand in Afghanistan" versprochen hätten. Letztendlich sei aber genau das Gegenteil eingetreten.

Zudem habe Hersh in den vergangenen Jahren an Glaubwürdigkeit eingebüßt, da es vielen seiner Reportagen an Beweisen mangele. So habe er untere anderem behauptet, dass ein Großteil der US-Sondereinsatzkräfte von Opus Dei kontrolliert sei und das US-Militär iranische Terroristen zu Trainingszwecken nach Nevada geflogen hätte.