Im Mittelmeer aufgegriffene Flüchtlinge auf einem Schiff der französischen Marine © Alfonso di Vincenzo/AFP/Getty Images

Wie kann und sollte Europa auf die steigenden Flüchtlingszahlen und den Tod von Tausenden von Flüchtlingen im Mittelmeer reagieren? Diese Frage beherrscht seit Wochen die politischen Debatten in Europa. Einigkeit besteht nur in zwei Punkten: Es gibt keine einfachen Antworten und die Thematik wird uns lange beschäftigen.

An Vorschlägen mangelt es nicht. Entwicklungsminister Gerd Müller fordert zusätzlich zehn Milliarden Euro zur Fluchtursachenbekämpfung in den Herkunftsländern sowie eine neue europäische Afrikapolitik. Theo Sommer hat auf ZEIT ONLINE dagegen argumentiert, dass zusätzliche Entwicklungsgelder wenig zur Lösung der Flüchtlingskrise beitrügen. Sie würden eher in den Fängen korrupter Politiker der Entwicklungsländer versickern als Menschen helfen.

Wenn man Theo Sommers Argumentation weiterdenkt, bleibt kaum eine Alternative. Die Konsequenz wäre letztendlich, dass sich Flüchtlingspolitik allein auf den EU-Grenzschutz, die Seenotrettung und gegebenenfalls die Bekämpfung von Schlepperbanden beschränken würde. Es ist aber unwahrscheinlich, dass allein durch mehr Grenzschutz die Flüchtlingszahlen kurz- bis mittelfristig zurückgehen. Es wäre außerdem mit einem erheblichen Ansehensverlust für Europa verbunden, wenn sich die Antwort auf die Flüchtlingskrise auf mehr Gelder für die Operation Triton beschränken würde. Europa steht für Demokratie und Menschenrechte. Als zivile Macht hängt der internationale Einfluss Europas auch daran, dass sie hilft, humanitäre Krisen zu überwinden.

Die Einhegung von Fluchtursachen in afrikanischen Gesellschaften bleibt alternativlos. Doch heißt das mehr Geld für korrupte Regierungen? Die von Sommer formulierte Kritik geht an der entwicklungspolitischen Realität vorbei und tappt in die "Allzuständigkeitsfalle". Verfehlte Entwicklungspolitik und Korruption können nicht für alle Entwicklungsprobleme verantwortlich gemacht werden.

Keineswegs verschwindet jeder Euro in den Taschen korrupter Kleptokraten. Stattdessen ist Korruptionsbekämpfung auch eine entwicklungspolitische Aufgabe. Europäische Steuergelder werden genutzt, um Rechnungshöfe aufzubauen oder Nichtregierungsorganisationen in Anti-Korruptionskampagnen zu unterstützen. Die Ergebnisse sind gemischt, zugegeben. Nichts spricht jedoch dafür, korrupte Machenschaften sich selbst zu überlassen.

An die Voraussetzungen in den Ländern anknüpfen

Gleichzeitig dürfen die Möglichkeiten von Entwicklungspolitik nicht überschätzt werden. Deshalb muss auch die Forderung nach mehr Geld mit einer klaren Strategie verbunden sein, wo und wie dieses Geld einen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation von 1,1 Milliarden Afrikanern leisten kann.

Die Gründe, warum Menschen aus Syrien, Irak, Eritrea, Somalia, Nigeria, Mali oder Senegal nach Europa fliehen, sind sehr unterschiedlich. Dementsprechend müssen auch die politischen Maßnahmen gegen Fluchtursachen an die politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten einzelner Gesellschaften anknüpfen. In einigen Fällen kann und sollte Entwicklungspolitik eine noch wichtigere Rolle spielen. In anderen nicht.

In Syrien und dem Irak herrscht Bürgerkrieg. Eritrea ist eine der repressivsten Diktaturen weltweit, in der 61 Prozent der Bevölkerung unterernährt sind. In Somalia gibt es quasi keine staatlichen Strukturen. Nigeria bleibt zwar die größte afrikanische Wirtschaftsmacht, doch ist die Regierung im Norden durch die Terrorgruppe Boko Haram massiv unter Druck geraten. Der Senegal ist inzwischen ein Land mit mittlerem Einkommen, das politisch vergleichsweise offen ist. In Mali ist der Norden seit 2012 destabilisiert. Entgegen des von Theo Sommer gezeichneten Chaos-Szenarios existieren im Süden des Landes, wo 94 Prozent der Malier wohnen, jedoch staatliche Strukturen.

In Ländern wie dem Senegal oder Mali wird eine Grundvoraussetzung für entwicklungspolitischen Erfolg erfüllt: die Bereitschaft politischer Eliten, sich mit Fragen wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung auseinanderzusetzen. Die Beratung von Kommunen und Ministerien zur Verbesserung von Basisdienstleistungen wie den Ausbau und die Vernetzung lokaler Märkte oder das Transportwesen können in diesen Ländern den Unterschied für die wirtschaftliche Zukunft des Landes ausmachen.