Bereits mit der ersten Wortmeldung macht Myanmars Regierung klar, dass sie nicht viel für einen erfolgreichen Flüchtlingsgipfel in der thailändischen Hauptstadt Bangkok unternehmen will. "Mein lieber Kollege, Sie sind nicht gut informiert", faucht Delegationsleiter Htin Lynn den aus Österreich stammenden UN-Flüchtlingshochkommissar Volker Türk vor laufenden Kameras an. Man könne nicht einfach sein Land herausgreifen, sagt der Repräsentant aus Myanmars Hauptstadt Naypyidaw. "Mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, wird uns nicht weiterbringen."

In den vergangenen Wochen trieben Tausende Flüchtlinge auf Holzbooten im Indischen Ozean, die betroffenen asiatischen Staaten streiten seitdem um die Lösung der Tragödie. Selten trat der Konflikt derart offen zu Tage wie nun im noblen Anantara-Hotel in Bangkoks Innenstadt: Dort waren 17 Nationen auf Einladung der thailändischen Militärregierung gekommen. Sie wollten eine gemeinsame Antwort auf den Migrantenstrom finden. Doch schon die Debatte über die Ursachen bricht in offenen Streit aus.

Dabei hatten sich die meisten Delegierten alle Mühe gegeben, zumindest oberflächlich die Harmonie zu wahren: Aus Rücksicht auf Myanmars Befindlichkeiten verwendete während der Eingangsreden niemand das Wort Rohingya – der Name jener muslimischen Minderheit, die im vorwiegend buddhistischen Myanmar diskriminiert und verfolgt wird und die den größten Teil des derzeitigen Flüchtlingsstroms ausmacht. Denn die Regierung des Landes lässt für sie nur die Bezeichnung Bengalis gelten. Damit unterstreicht sie, dass sie die Rohingya nicht als Volksgruppe anerkennt, sondern als illegale Einwanderer betrachtet – und ihnen deshalb auch die Staatsbürgerschaft verwehrt.

UNHCR-Vertreter Türk spricht als einziger direkt an, dass die Rohingya in Myanmar weitgehend rechtlos sind, sie zu Zehntausenden zusammengepfercht in überfüllten Lagern leben müssen. Er fordert die Regierung in Naypyidaw zur Verbesserung der Lebensbedingungen auf: "Die Ursache des Problems kann nur gelöst werden, wenn Myanmar Verantwortung für alle seine Einwohner übernimmt."

Für die rund 450 angereisten lokalen und internationalen Journalisten ist es eine Überraschung, die kritischen Worte zu hören. Nach offiziellem Plan hätten sie nur hinter verschlossenen Türen fallen sollen. Doch Thailands Außenminister Tanasak Patimapragorn hielt sich als Organisator nicht an das Protokoll. Er entschied sich offenbar kurzfristig, die Medienvertreter auch nach seiner Eröffnungsrede noch im Saal zu lassen. Damit habe er zeigen wollen, dass die Veranstaltung keine Show, sondern ernst gemeint sei, sagte Tanasak später auf einer Pressekonferenz.

Die Weltöffentlichkeit wurde deshalb Zeuge, wie Myanmar die Verantwortung von sich wies. Vertreter Htin Lynn sprach lediglich von "internen Schwierigkeiten", über die er mit dem Ausland nicht zu reden bereit war.

Myanmar diktiert die Wortwahl

Die Rohingya, für Myanmar ein Tabu, stehen aus Sicht von Phil Robertson aber im Zentrum von Asiens Flüchtlingskrise. Der stellvertretende Asien-Chef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch ist kein offizieller Gipfelteilnehmer. Im Foyer des Tagungshotels ist er aber gerade wegen seiner undiplomatischen Sprache ein gefragter Gesprächspartner. "Myanmar hat die Flüchtlingskrise in erheblichem Maß verursacht", sagt er im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Natürlich muss die Verantwortung des Landes hervorgehoben werden."

Dass die Gipfelteilnehmer nicht einmal den Namen der Rohingya aussprechen, hält Robertson für einen Skandal. "Man kann sich von Myanmar nicht die Wortwahl diktieren lassen", sagt er. "Das würde es dem Land erlauben, zu bestimmen, wie wir diese Debatte führen." Doch Myanmar hatte damit Erfolg: Statt von dem verbotenen R-Wort war unisono nur von "boat people" die Rede. Thailands Außenminister Tanasak kommentierte, er habe den Delegierten diesbezüglich zwar keine Vorgaben gemacht. Doch es sei ihm auch wichtig, eine "freundschaftliche Atmosphäre" zu schaffen. "Wenn man nur einer Seite die Schuld zuschiebt, kann man nicht mit einem positiven Ergebnis rechnen."

Den Delegierten gelang mit diesem Ansatz dann offenbar doch Erstaunliches: Nach dem Ende des Treffens verbreiten sie ein gemeinsames Papier, in dem sich die Teilnehmer dafür aussprechen, die Lebensbedingungen und Menschenrechtslage in den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu verbessern. Dem habe auch Myanmars Regierung zugestimmt, teilten die Vertreter aus Thailand und den USA mit. Doch ob damit wirklich auch die Rohingya gemeint sind, blieb in dem dreiseitigen Papier offen.

Am Ende des langen Gipfeltages beantwortet auch Thailands Außenminister dazu keine Fragen mehr. Er schickt seinen Staatssekretär, Norachit Sinhaseni, vor die Presse. Dieser hatte nicht viel Konkretes zu verkünden. Die betroffenen Länder der Region hätten verabredet, erneut zusammenzukommen. "Allerdings gibt es noch keinen konkreten Termin oder Ort für ein Treffen", sagt er. "Insofern bleibt das noch vage." Ein Reporter fragt ihn, ob er den Eindruck entkräften könne, der Gipfel hätte höchstens kosmetische Ergebnisse erzielt. "Wenn Sie glauben, dass wir dieses Problem in einem Tag lösen können, dann glauben Sie an Wunder", antwortete Norachit. "Und ich glaube nicht an Wunder."