Am 9. Mai werden Zehntausende Soldaten über die Plätze russischer Städte paradieren. Die Streitkräfte werden den neuen Wunderpanzer Armata auf dem Roten Platz vorführen. Im Fernsehen stellen Filme den hart erkämpften Sieg über Hitlerdeutschland 1945 nach. In Talkshows erinnert man sich der Niederschlagung der deutschen Angreifer – und manchmal auch Josef Stalins als "fähigem Kriegsherrn und Manager". Zur gleichen Zeit aber muss sich einer der angesehensten Historiker Russlands vor den Strafverfolgungsbehörden verantworten. 

 Jurij Piwowarow war bis Mitte April Direktor des Inion, Russlands größtem und wichtigstem Institut für Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Historiker hat zahlreiche gefeierte Bücher über Russlands Geschichte und über den Zweiten Weltkrieg geschrieben. Zum siebzigsten Jahrestag des Sieges über Hitler sollte er besonders gefragt sein. Piwowarow ist zugleich ein öffentlicher Intellektueller, der sein breites Wissen nutzt, um Russlands Politik einzuschätzen. Doch beurteilte er den Krieg russischer und russisch ausgerüsteter Streitkräfte gegen die Ukraine anders als die Regierung. Das scheint ihm jetzt zum Verhängnis zu werden.

Es bedurfte eines Vorwands, der sich im vergangenen Winter bot. Am Freitag, dem 30. Januar gegen 21 Uhr, brach im Inion-Institut ein Feuer aus. Die Flammen fraßen sich schnell durch das Siebziger-Jahre-Gebäude mit altem Parkett, langen roten Läufern und massigen Vorhängen. Sie erreichten die Bibliothek, eine von Russlands größten Sammlungen geisteswissenschaftlicher Bücher. Über zwei Millionen Werke gingen dabei verloren, heißt es, nicht zuletzt durch die Löscharbeiten, die mehrere Tage dauerten.

Die Ursache war die völlig veraltete Haustechnik. Während die russische Regierung viel Geld in die Dekoration von Plätzen und Erneuerung von Bahnhöfen steckt, wird das für die Bürger weniger sichtbare Staatseigentum vernachlässigt: Viele akademische Institute sind baulich in einem ähnlich betrüblichen Zustand wie das Inion. Piwowarow hatte in den vergangenen Jahren immer wieder um Geld für eine umfassende Modernisierung gebeten. Was er bekam, waren Kopeken angesichts der Not.

Doch die Sicherheitsbehörden und Staatsmedien erkannten in dem Brand die Chance, einen ungeliebten Freigeist loszuwerden. Anstatt die kümmerliche Ausstattung der russischen Geisteswissenschaften  anzuprangern, stürzten sich die Medien auf Piwowarow. Sie warfen dem Historiker vor, er hätte sich nicht um sein Institut gekümmert, kooperiere mit der Nato, hätte Korruption und den Straßenverkauf von Büchern aus der Bibliothek zugelassen. Alles ohne Beweise, wie es in den Staatsmedien Brauch ist. Das Gerücht ist das Ziel.

Den wahren Grund verriet eine russische Dumaabgeordnete, Jelena Afanassjewa von der radikalen Liberaldemokratischen Partei. Sie erregte sich darüber, dass diese so wichtige Direktorenposition ein Mensch besetze, der keine "staatliche Geisteshaltung" und "andere politische Ansichten" habe. Da war es offenbar höchste Zeit für die Justiz, einzugreifen. Am 20. April eröffnete das Strafverfolgungskomitee Russlands ein Verfahren wegen "Fahrlässigkeit" bei Ausübung der Aufsichtspflicht. Das kann eine hohe Geldstrafe oder eine langjährige Gefängnisstrafe nach sich ziehen.

Jurij Piwowarow gab dem großen Druck schon am 18. April nach, als er sich von der Position des Direktors zurückzog und wissenschaftlicher Leiter wurde. Doch wird er sich in dieser Position vor allem mit der Justiz auseinandersetzen müssen. Die Ermittler haben ihn bereits umfassend verhört. An seinem Rufmord wird auf allen Ebenen gearbeitet. Dagegen hat nun ein Kreis unabhängiger russischer Wissenschaftler einen Aufruf veröffentlicht, die Kampagne gegen Piwowarow unverzüglich einzustellen. Auch sie fühlen sich bedroht – zu Recht.

Denn in Putins Russland wächst die Zahl der Wissenschaftler, die wegen ihrer Arbeit verfolgt oder entlassen werden. Der Ökonom Sergej Gurijew und der Historiker Andrej Subow gehören zu den bekannteren. Gurijew ist vor der Verfolgung nach Paris geflüchtet, Subow ist trotz der Gefährdung in Moskau geblieben. Ihre Fälle erregen international nicht so viel Aufsehen wie etwa die der Popgruppe Pussy Riot. Doch sie sind vielleicht noch bedeutsamer.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist kein russischer Wissenschaftler mehr für sein Denken verurteilt worden. Es wäre eine Blamage für Russland, wenn sich das bei einem Historiker im siebzigsten Jahr des Siegs über Nazideutschland ändern sollte.