So war es im vergangenen Jahr: Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Parade am 9. Mai 2014 in Moskau © KIRILL KUDRYAVTSEV/AFP/Getty Images

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Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin wird der sogenannte Tag des Sieges ein großer Tag werden. Am 9. Mai wird er in Moskau in einer neuen Rolle auftreten. Zunehmend hat sich Putin ins Zentrum der neuen Kriegserzählung seines Landes gestellt, während die Jahrestage des Zweiten Weltkriegs näherrückten. Ins Zentrum einer Erzählung von Zerstörung, Tod und dem Überleben unter widrigen Umständen. Putin persönlich hat sich zum Bewahrer der nationalen Erinnerung gemacht, er persönlich ist der Chronist der russischen Geschichte.

Der Krieg, den die Russen den Großen Vaterländischen Krieg nennen, ist buchstäblich der Krieg von Putins Vater. Das betont Putin in einem Artikel, den er kürzlich in der russischen Zeitschrift Russkij Pioner veröffentlicht hat. Demnach sind die Erinnerungen seines Vaters und seiner Familie repräsentativ für die Erinnerungen der gesamten russischen Nation. Seit seiner Kindheit spricht Putin über den Zweiten Weltkrieg. Den Lesern von Russkij Pioner legt der russische Präsident nun ausführlich dar, dass die Kriegsgeschichten seiner Familie Fakten seien, von anderen gründlich dokumentiert. Indem er, Putin, diese Fakten und Geschichten nun erzählt, gibt er sie an die nächste Generation weiter. Auf diese Weise stilisiert er sich zum Vater der Nation.

Otez, Vater, ist das erste Wort in Putins Artikel im Russkij Pioner, in Großbuchstaben. Schon früher hatte diese Zeitschrift, die von Mitgliedern seines engsten Zirkels gegründet wurde, Putin bei Imagewechseln geholfen. Der aktuelle Artikel liest sich, als würde Putin die eindringlichsten Details der Fronterzählungen seines Vaters mündlich wiedergeben – frisch aus seiner Erinnerung. Dabei sollen eine Reihe wichtiger persönlicher und erzählerischer Punkte vermittelt werden.

Putins Vater, der ebenfalls Wladimir hieß, war demnach kein passives Opfer des Krieges. Er meldete sich freiwillig für die Front; er schlug zurück; er zerstörte hinter den feindlichen Linien Brücken und Eisenbahnlinien. Alles, um den Feind zu bezwingen. Dorfbewohner verrieten ihn und seine Kameraden an die Faschisten. Fast alle wurden getötet, aber Putins Vater versteckte sich vor den deutschen Soldaten in einem Sumpf und entkam. Viel später wurde Putins Vater verletzt, als er seine Heimatstadt Leningrad während der brutalen Belagerung verteidigte. Er wurde von einem alten Freund und Nachbarn gerettet, Putins Vater bewahrte danach seine Frau, also Putins Mutter, vor dem nahen Tod. Doch keiner von beiden konnte ihren kleinen Sohn retten, Putins älteren Bruder. Er starb an Entbehrungen und Krankheit und wurde in einem Massengrab beerdigt.

1945 – ein Jahr zwischen Krieg und Frieden. Hier gelangen Sie zu unserem Schwerpunkt. © Allan Jackson/Hulton Archive/Getty Images

Putin selbst wurde nach dem Krieg geboren, für seine Eltern fast wie durch ein Wunder. Ihre Geschichten haben seine persönlichen und politischen Ansichten geprägt. Jetzt gestaltet er sie neu – für seine eigene Botschaft an das russische Volk. Dabei kommen verschiedene Motive zum Vorschein. Eines ist die Bedeutung von Loyalität, absoluter Loyalität. Ein anderes ist Verrat als das absolut Böse; Verräter müssen bestraft werden. Ein drittes Motiv in Putins Nacherzählung seiner Familiengeschichte ist die Versöhnung mit den Deutschen.

Sein Wissen über den Krieg hat sich Putin, jenseits der persönlichen Geschichte, aus sowjetischen Filmen und Büchern angeeignet, in Studien der deutschen Sprache und Geschichte erworben und in seiner KGB-Zeit in den achtziger Jahren in Dresden gewonnen.

Faschisten können viele Formen annehmen

Weil die Rehabilitierung gewöhnlicher Deutscher und eine enge Freundschaft mit Ostdeutschland zu den politischen Prioritäten der UdSSR gehörten, haben die Sowjets die Geschichte umgeschrieben. Im Ostdeutschland der Nachkriegszeit wurden Faschisten schnell zu guten Kommunisten gemacht. Die Verantwortung für die Gräueltaten des Naziregimes wurde den Kapitalisten zugeschoben, den Deutschen jenseits der Mauer im Westen.

Putin benutzt die Geschichten seiner Familie auf dieselbe Art. Er betont zum Beispiel, dass die Gruppe seines Vaters hinter den feindlichen Linien von einem Sowjetbürger deutscher Herkunft angeführt wurde, der später wahrscheinlich umkam (auch wenn Putin das nicht explizit sagt). Seine Mutter, erzählt er, habe ihm geraten, sich ohne Hass an die deutschen Soldaten zu erinnern. Es seien, mahnte sie ihn, einfache Leute gewesen, die gezwungen worden waren, an der Front zu kämpfen. Im Russkij-Pioner-Artikel trennt Putin auch zwischen "Faschisten", die seinem Vater im Dorf auflauerten, und deutschen Soldaten, die ihn im Sumpf verfolgten. Der Feind, sagt Putin seinem Volk damit, sind die Faschisten, nicht die Deutschen.

Die Faschisten sind nach Putins Erzählung in der heutigen Ukraine zurück. Die Feinde, die Verräter, das sind ukrainische Nationalisten. Ihre Ikone ist Stepan Bandera – der nationalistische ukrainische Partisan der Kriegszeit – der, wie Putin regelmäßig betont, Adolf Hitlers Handlanger war. In Putins Nacherzählung haben die ukrainischen Faschisten ihre Nation betrogen. Sie haben die legitime ukrainische Regierung gestürzt. Sie sind von den USA und der EU unterstützt und angestiftet worden, die anscheinend vergessen haben, gegen wen sie im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten. Die ukrainischen Faschisten haben die russische Bevölkerung der Krim bedroht, also musste Putin sie retten. Und noch einmal bringt Putin seinen Vater in die Handlung ein: En passant erwähnt er im Russkij Pioneer, sein Vater habe seinen Militärdienst im historischen Krimhafen von Sewastopol geleistet.