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Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin wird der sogenannte Tag des Sieges ein großer Tag werden. Am 9. Mai wird er in Moskau in einer neuen Rolle auftreten. Zunehmend hat sich Putin ins Zentrum der neuen Kriegserzählung seines Landes gestellt, während die Jahrestage des Zweiten Weltkriegs näherrückten. Ins Zentrum einer Erzählung von Zerstörung, Tod und dem Überleben unter widrigen Umständen. Putin persönlich hat sich zum Bewahrer der nationalen Erinnerung gemacht, er persönlich ist der Chronist der russischen Geschichte.

Der Krieg, den die Russen den Großen Vaterländischen Krieg nennen, ist buchstäblich der Krieg von Putins Vater. Das betont Putin in einem Artikel, den er kürzlich in der russischen Zeitschrift Russkij Pioner veröffentlicht hat. Demnach sind die Erinnerungen seines Vaters und seiner Familie repräsentativ für die Erinnerungen der gesamten russischen Nation. Seit seiner Kindheit spricht Putin über den Zweiten Weltkrieg. Den Lesern von Russkij Pioner legt der russische Präsident nun ausführlich dar, dass die Kriegsgeschichten seiner Familie Fakten seien, von anderen gründlich dokumentiert. Indem er, Putin, diese Fakten und Geschichten nun erzählt, gibt er sie an die nächste Generation weiter. Auf diese Weise stilisiert er sich zum Vater der Nation.

Otez, Vater, ist das erste Wort in Putins Artikel im Russkij Pioner, in Großbuchstaben. Schon früher hatte diese Zeitschrift, die von Mitgliedern seines engsten Zirkels gegründet wurde, Putin bei Imagewechseln geholfen. Der aktuelle Artikel liest sich, als würde Putin die eindringlichsten Details der Fronterzählungen seines Vaters mündlich wiedergeben – frisch aus seiner Erinnerung. Dabei sollen eine Reihe wichtiger persönlicher und erzählerischer Punkte vermittelt werden.

Putins Vater, der ebenfalls Wladimir hieß, war demnach kein passives Opfer des Krieges. Er meldete sich freiwillig für die Front; er schlug zurück; er zerstörte hinter den feindlichen Linien Brücken und Eisenbahnlinien. Alles, um den Feind zu bezwingen. Dorfbewohner verrieten ihn und seine Kameraden an die Faschisten. Fast alle wurden getötet, aber Putins Vater versteckte sich vor den deutschen Soldaten in einem Sumpf und entkam. Viel später wurde Putins Vater verletzt, als er seine Heimatstadt Leningrad während der brutalen Belagerung verteidigte. Er wurde von einem alten Freund und Nachbarn gerettet, Putins Vater bewahrte danach seine Frau, also Putins Mutter, vor dem nahen Tod. Doch keiner von beiden konnte ihren kleinen Sohn retten, Putins älteren Bruder. Er starb an Entbehrungen und Krankheit und wurde in einem Massengrab beerdigt.

1945 – ein Jahr zwischen Krieg und Frieden. Hier gelangen Sie zu unserem Schwerpunkt. © Allan Jackson/Hulton Archive/Getty Images

Putin selbst wurde nach dem Krieg geboren, für seine Eltern fast wie durch ein Wunder. Ihre Geschichten haben seine persönlichen und politischen Ansichten geprägt. Jetzt gestaltet er sie neu – für seine eigene Botschaft an das russische Volk. Dabei kommen verschiedene Motive zum Vorschein. Eines ist die Bedeutung von Loyalität, absoluter Loyalität. Ein anderes ist Verrat als das absolut Böse; Verräter müssen bestraft werden. Ein drittes Motiv in Putins Nacherzählung seiner Familiengeschichte ist die Versöhnung mit den Deutschen.

Sein Wissen über den Krieg hat sich Putin, jenseits der persönlichen Geschichte, aus sowjetischen Filmen und Büchern angeeignet, in Studien der deutschen Sprache und Geschichte erworben und in seiner KGB-Zeit in den achtziger Jahren in Dresden gewonnen.

Faschisten können viele Formen annehmen

Weil die Rehabilitierung gewöhnlicher Deutscher und eine enge Freundschaft mit Ostdeutschland zu den politischen Prioritäten der UdSSR gehörten, haben die Sowjets die Geschichte umgeschrieben. Im Ostdeutschland der Nachkriegszeit wurden Faschisten schnell zu guten Kommunisten gemacht. Die Verantwortung für die Gräueltaten des Naziregimes wurde den Kapitalisten zugeschoben, den Deutschen jenseits der Mauer im Westen.

Putin benutzt die Geschichten seiner Familie auf dieselbe Art. Er betont zum Beispiel, dass die Gruppe seines Vaters hinter den feindlichen Linien von einem Sowjetbürger deutscher Herkunft angeführt wurde, der später wahrscheinlich umkam (auch wenn Putin das nicht explizit sagt). Seine Mutter, erzählt er, habe ihm geraten, sich ohne Hass an die deutschen Soldaten zu erinnern. Es seien, mahnte sie ihn, einfache Leute gewesen, die gezwungen worden waren, an der Front zu kämpfen. Im Russkij-Pioner-Artikel trennt Putin auch zwischen "Faschisten", die seinem Vater im Dorf auflauerten, und deutschen Soldaten, die ihn im Sumpf verfolgten. Der Feind, sagt Putin seinem Volk damit, sind die Faschisten, nicht die Deutschen.

Die Faschisten sind nach Putins Erzählung in der heutigen Ukraine zurück. Die Feinde, die Verräter, das sind ukrainische Nationalisten. Ihre Ikone ist Stepan Bandera – der nationalistische ukrainische Partisan der Kriegszeit – der, wie Putin regelmäßig betont, Adolf Hitlers Handlanger war. In Putins Nacherzählung haben die ukrainischen Faschisten ihre Nation betrogen. Sie haben die legitime ukrainische Regierung gestürzt. Sie sind von den USA und der EU unterstützt und angestiftet worden, die anscheinend vergessen haben, gegen wen sie im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten. Die ukrainischen Faschisten haben die russische Bevölkerung der Krim bedroht, also musste Putin sie retten. Und noch einmal bringt Putin seinen Vater in die Handlung ein: En passant erwähnt er im Russkij Pioneer, sein Vater habe seinen Militärdienst im historischen Krimhafen von Sewastopol geleistet.

Der richtige Mann für den Sieg, der falsche für den Wiederaufbau

Doch die Vergangenheit zurück zu erkämpfen – vor allem die Vergangenheit von jemand anderem – ist kein besonders gutes Rezept, um eine Zukunft aufzubauen. Sobald die Kämpfe in der Ukraine vorbei sein werden und die russische Bevölkerung ihre Aufmerksamkeit von den ukrainischen Faschisten wieder an die Heimatfront verlagert, wird sich Putin als Präsident in Friedenszeiten neu erfinden müssen.

Als Putin 2012 erneut Präsident wurde, schrumpfte die russische Wirtschaft und seine Beliebtheitswerte fielen. Die politische Unzufriedenheit kulminierte in Straßenprotesten. Doch obwohl Putin die politische Opposition kaltstellte und seine Umfragewerte wieder steigen, haben der niedrige Ölpreis und die Sanktionen des Westens dazu geführt, dass die russische Wirtschaft in der Rezession steckt. Solange in der Ukraine der Krieg tobt, wird niemand über Alternativen zu Putin und seiner Politik nachdenken. Doch nach dem Krieg wird das anders sein. Selbst Winston Churchill, der Inbegriff eines Führers in Kriegszeiten, wurde von den Briten aus dem Amt gewählt, als der Zweite Weltkrieg vorbei war. Er war der richtige Mann für den Sieg, aber der falsche Mann für den Wiederaufbau.

Putin scheint die Transformationsprozesse der Nachkriegszeit jenseits des Sowjetblocks nicht zu verstehen. Deutschland und andere europäische Staaten haben das Ende des Krieges als Chance betrachtet, etwas Neues aufzubauen – Verantwortung für die Gräueltaten zu übernehmen, die nationale Spaltung zu überwinden und neue Formen der wirtschaftlichen und schließlich der politischen Integration zu schaffen. Die Europäische Union war das ultimative Friedensprojekt: eine bewusste Anstrengung, den Zweiten Weltkrieg hinter sich zu lassen und in die Zukunft zu gehen.

Putins Optionen, jetzt etwas Neues aufzubauen, sind begrenzter. Der Krieg seines Vaters mag dazu dienen, die Annexion der Krim und den Konflikt in der Ukraine zu rechtfertigen. Putin wird am 9. Mai in Moskau auch versuchen, die Erinnerungen seines Vaters zu benutzen, um die Gegenwart einzufangen und zu bestimmen. Er wird versuchen, sich selbst und Russland – aber auch die Ukraine und Europa – davon abzuhalten, in die Zukunft zu gehen.

Aus dem Englischen übersetzt von Carsten Luther