Es gibt diese spannende Stelle in dem Streifen Jagd auf Roter Oktober, als der sowjetische U-Boot-Kommandant Ramius, alias Sean Connery, mit voller Kraft auf einen Torpedo zufährt, den ein anderes U-Boot gerade auf ihn abgefeuert hat. Ramius' (natürlich gelingende) Idee ist es, den Abstand zu dem Geschoss so weit zu verkürzen, dass der Torpedozünder nicht genug Zeit hat, scharf zu werden.

Stellen wir uns Großbritannien mal als das eine U-Boot vor und die Rest-EU als das andere. Steckt dann womöglich ein ganz ähnlicher Gedanke wie der von Ramius hinter dem Vorschlag des britischen Premierminister, das geplante Referendum über den Verbleib Großbritanniens ließe sich auf Ende nächsten Jahres vorziehen? Geschickt wäre es.

Denn die große Reform, die David Cameron von der EU will, wird er nicht bekommen. Deshalb erscheint es als das politisch Klügste, das Referendum abzuhalten, bevor die Bombe des Scheiterns platzt.

Cameron ist der Gefangene seines Versprechens. Er hat den Briten einen "New Deal" mit der Europäischen Union in Aussicht gestellt. Die EU soll effizienter, weniger übergriffig in die Hauptstädte, unbürokratischer und noch handelserleichternder werden (genauere Vorschläge will der Premier im Juni vorstellen). Dafür bleiben die Briten dann auch drin.

So legitim und richtig der Grundgedanke einer Generalüberholung eines immerhin fast 60 Jahre alten Staatenverbundes ist, in dem viel Wildwuchs gewuchert ist, so unrealistisch ist die Vorstellung, eine solche Inventur ließe sich bis 2017 abschließen – dem Jahr, in dem Cameron ursprünglich das Referendum abhalten wollte.

Eine "neue EU", wie der britische Premier sie seinen Wählern versprochen hat, würde eine Änderung der europäischen Verträge voraussetzen. Dafür bräuchte es schon technisch dreierlei: einen Konvent von 28 Regierungsvertretern, eine Einigung auf einen neuen Vertragstext und schließlich die Ratifikation dieser Änderungen in den Mitgliedstaaten. Als die EU sich zuletzt auf so etwas eingelassen hat, dauerte dieser ganze Prozess schlappe zehn Jahre.

Das Projekt begann als "Europäische Verfassung" und endete als Lissabon-Vertrag. Wenn die Verträge erst einmal geöffnet sind, kann jeder Staat mit seinen Wunschlisten für Änderungen antanzen. Bei Camerons Deal-Ideen würde es sicherlich auch dieses Mal nicht bleiben. Zwar hätte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble durchaus ein Interesse an einer neuerlichen Vertragsreform. Er könnte dadurch nämlich die juristisch etwas kippeligen Stabilitätsvereinbarungen der Eurozone endlich in Stein meißeln. Aber eine Debatte, die sich letztlich um die Frage drehen würde, wie stark diese EU eigentlich noch zusammenhalten will, was Brüssel noch darf und welche Aufgaben die Hauptstädte stattdessen wieder übernehmen sollten, möchte Berlin auf keinen Fall. Allein schon, weil eine solche Auseinandersetzung dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ein Dutzend Hebelstellen bieten würde, um die EU zu entzweien.

Für Cameron bedeutet dies, dass er das Referendum zu einem Zeitpunkt abhalten muss, in dem immerhin noch Hoffnung auf die Erfüllung seiner Wahlversprechen besteht. Er muss es tun, bevor komplett klar ist, dass er eine Generalinventur gefordert hat, aber nur ein paar kosmetische Korrekturen bekommen wird.

Ein Deal mit dem Vereinigten Königreich, die Prognose sei gewagt, könnte am Ende so aussehen: Der Kontinent kommt Cameron so weit wie möglich ohne Vertragsänderungen entgegen – und verspricht ihm, dass seine Wunschliste ganz bestimmt bei der nächsten Vertragsöffnung berücksichtigt wird. Damit wäre der Torpedo erst einmal entschärft. In beide Richtungen.