Alle fünf Jahre geht Britannia zum Arzt und lässt sich durchchecken. Herz, Nieren – alles wird untersucht. Die Ärzte stellen die unterschiedlichsten Diagnosen und sie muss entscheiden, wer sie medikamentös neu einstellen soll. In westlichen Demokratien machen das alle so. Germania vertraut auf Professor Merkel (und ihren Chefarzt Gabriel), Marianne ist bei François Hollande in Behandlung. Britannia hat noch eine Woche Zeit zu überlegen. Nächsten Donnerstag sind Wahlen und gestern Abend haben Premierminister David Cameron von den Konservativen, sein liberaldemokratischer Vize Nick Clegg und Labours Oppositionsführer Ed Miliband live im TV dargelegt, welches ihrer Meinung nach der beste Therapieansatz wäre, um die Patientin wieder auf die Beine zu bringen.

Statt eine dieser unergiebigen politischen Sofarunden nach deutschem Vorbild zu organisieren oder ein aggressives Fernsehduell, wie man es im amerikanischen Präsidentenwahlkampf erleben kann, entschied sich die BBC für ein Format, das dem demokratischen Grundgedanken erfrischend nahe kommt. Für jeweils dreißig Minuten stellten sich die Bewerber nacheinander direkt den Fragen des Publikums. Große Überraschungen blieben dabei zwar aus, aber gegen Ende eines Wahlkampfes, der bisher nur Verwirrung stiftete, weil nichts so war wie sonst, ist es nach dem gestrigen Abend nicht mehr vollkommen absurd, über den Ausgang der Wahl zu spekulieren.

Zunächst, in aller Kürze, die Krankengeschichte: 2010 lag Britannia auf der Intensivstation. Auf die Finanzkrise folgte eine katastrophale Rezession, in der die Wirtschaftsleistung um sieben Prozent einbrach und die Staatsverschuldung das Niveau der Pleiteländer in der Eurozone erreichte. Die Regierungskoalition aus Konservativen und Liberaldemokraten setzte einen radikalen Sparkurs durch, bei dem die Budgets der einzelnen Kabinettsressorts um bis zu 25 Prozent zusammengestrichen wurden. Um diese Kürzungen umzusetzen, begann zusätzlich die umfassendste Sozialstaatreform seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Und um die Aufruhr komplett zu machen, zerbrach auch noch das althergebrachte Zweiparteiensystem, in dem entweder die Konservativen oder Labour regierten. Von der Krise geschockt und gebeutelt von der Austerität, sammelten sich immer mehr Briten um kleine Parteien. Die schottischen Separatisten SNP haben einen grandiosen Aufbruch erlebt, ebenso Ukip, die Unabhängigkeitspartei, die den Austritt aus der EU propagiert, und die britischen Grünen.

Sich zwischen Labour und den Tories zu entscheiden, dürfte eigentlich nicht schwerfallen. 

"Der Plan funktioniert", sagt David Cameron. Er will seine Therapie fortsetzen, weiter sparen und den Haushalt ausgleichen. 

"Der Plan funktioniert überhaupt nicht", meint dagegen Ed Miliband und verweist auf die sozialen Kosten der Sparpolitik. Eine Million Briten sind auf Lebensmittelspenden angewiesen. Dem Rückzug des Staates auf Kosten der Ärmsten will Labour ein Ende bereiten. Stattdessen sollen die Reichen mehr Steuern zahlen und die Konsolidierung des Haushaltes aufgeschoben werden. Dennoch stecken beide Parteien in den Umfragen mit jeweils einem Drittel der Stimmen fest, weit entfernt von einer regierungsfähigen Mehrheit. In den Medien wird jede mögliche und unmögliche Konstellation für eine Regierung erwägt, inklusive einer großen Koalition, und Ökonomen warnen vor einem erneuten Rückschlag für die Wirtschaft, falls es im Herbst zu Neuwahlen kommt.

Möglicherweise hat es gestern Abend einen kleinen Ruck gegeben. Ed Miliband hat erneut eine Koalition mit der SNP ausgeschlossen. Ohne dieses Bündnis ist eine Labourregierung kaum vorstellbar. Außerdem war die Reaktion auf Cameron nach der Sendung deutlich positiver und eindeutiger als bisher. Laut einer Blitzumfrage im Auftrag des Guardian sahen 44 Prozent Cameron als den nächsten Premierminister. 38 Prozent setzten auf Miliband. Am Ende zählt vielleicht doch Camerons Erfolg. Die Wirtschaft wächst schneller als in jedem anderen Land der G 8, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Staatsschuldenquote hat sich nahezu halbiert. Auch sein bisheriger Vize, Nick Clegg, hat sich nach Ansicht der Zuschauer gut geschlagen und versprochen, im Falle einer Koalition mit den Tories für "Herzenswärme und soziale Verantwortung" einzustehen.

Am Morgen danach in der Woche davor erscheint es wahrscheinlicher denn je, dass die Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten ihre Arbeit nächste Woche fortsetzen wird. Große Panik – und dann bleibt doch alles beim Alten.