Großbritannien hat gewählt und alles ist anders als gedacht. Nicht komplizierte, nervenaufreibende Koalitionsverhandlungen bestimmen die Tage nach der Wahl, wie alle erwartet hatten. Stattdessen benennt der eindeutig gewählte Tory-Premier David Cameron rasch seine Minister.

Nach fünf Jahren Koalition regiert wieder, wie im Königreich üblich, eine Partei mit einer Mehrheit. Vor der Wahl hatten die Umfragen die meisten Stimmen links gesehen. Im Nachhinein zeigt sich: Die Mehrheit steht rechts, wenn auch nur knapp. Die Konservativen (36,9 Prozent) und Ukip (12,6 Prozent) kommen zusammen auf 49,5 Prozent der Stimmen. Rechnet man die nordirische Democratic Unionist Party DUP (0,6 Prozent) und die Ulster Unionist Party UUP (0,4 Prozent) dazu, so addieren sich die Stimmen auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu 50,5 Prozent.

Das britische Mehrheitswahlrecht verzerrt zwar grob den Zusammenhang zwischen der Zahl der Parlamentssitze, die jede Partei bekommt, und dem Anteil der Stimmen, die für sie abgegeben worden ist. Dennoch entspricht die Regierung, die am Donnerstag gewählt wurde, in etwa der politischen Sympathieverteilung. Die Konservative Partei gewann die meisten Sitze. Ihr Vorsprung aber ist mit gerade einmal zwölf Stimmen klein.

Das Paradox dieser Wahl ist, dass sie alles verändert hat, aber nur am Rande etwas bewegt. Die Zahl der Stimmen für die jetzt allein regierenden Tories ist nur um 0,8 Prozent gestiegen, die der vernichtend geschlagenen Labour Partei hat nur um 1,5 Prozent zugenommen. Selbst in Schottland, wo die Scottish National Party (SNP) zu ihren bestehenden 6 Sitzen 50 dazugewonnen und damit nahezu alle Wahlkreise abgeräumt hat, ist die Zahl der für die SNP abgegebenen Stimmen nur um gut drei Prozent gewachsen. Dahinter steht das britische Mehrheitswahlrecht: Sieger ist, wer in einem Wahlkreis die meisten Stimmen bekommt, egal wie viel Prozent der Wähler er für sich gewonnen hat.  

Am lautesten kritisieren diese Verzerrungen des Wahlrechts nun die Ukip-Anhänger. Mit 3,8 Millionen Stimmen erreichte die Partei ein einziges Abgeordnetenmandat. Am krassesten ist der Gegensatz zur schottischen SNP, die mit 1,45 Millionen Stimmen 56 Abgeordnete nach Westminister schicken kann. 

Politische Verhältnisse wie vor Jahrzehnten

Großbritannien steht nach diesen Wahlen unter Schock. Erwartet worden war, dass das Land europäischer wird, dass Koalitionsregierungen wie auf dem Kontinent üblich, von nun an auch die britische Politik bestimmen. Stattdessen erinnert das Ergebnis an die politischen Verhältnisse, die das Königreich vor 20, 30 Jahren kannte.

Da ist zunächst die Labour-Partei, die mit Ed Miliband ein noch schlechteres Ergebnis einfuhr als 2010 mit Gordon Brown. Miliband hatte die Partei nach links gerückt, versprochen, der Staat werde Gas- und Mietpreise regulieren, Reiche höher besteuern und ausbeuterische Arbeitsverträge verbieten.

Das Ergebnis belegt, was Tony Blair in den 1990er Jahren erkannte, als er gemeinsam mit Gordon Brown die Industrie- und Finanzwelt umwarb und sich um Wähler in der Mitte des politischen Spektrums bemühte: Links der Mitte kann Labour keine Wahlen gewinnen. Ed Miliband ist abgetreten, die Partei sucht einen neuen Vorsitzenden. Unter den jetzt ins Parlament gewählten Abgeordneten gibt aber kein offensichtliches Talent, das die Partei aus ihrem Tief herausführen könnte.