In vielen europäischen Kommentaren wird ihr Wahlsieg im November 2016 bereits als feststehende Tatsache dargestellt. Das ist reichlich früh. Zwei Wochen nachdem sie ihren Hut in den Ring geworfen hat, spiegelt sich in den amerikanischen Umfragen viel Skepsis, nagender Zweifel und ein guter Teil Ablehnung. Nur 46 Prozent der Befragten begrüßen Hillary Clintons Kandidatur, 41 Prozent sind dagegen. Selbst unter den Demokraten sind nur 34 Prozent begeistert, dass sie antritt; 36 Prozent finden es okay; 19 Prozent äußern keine Meinung; neun Prozent sind enttäuscht oder wütend.

Warum die Skepsis? Die Ex-First-Lady, Ex-Senatorin und Ex-Außenministerin gilt als harte Arbeiterin, entschieden, diszipliniert, zielstrebig. Zugleich jedoch halten viele sie für kühl, berechnend, misstrauisch, undurchsichtig, unglaubwürdig, ja verlogen.

Zwei Enthüllungen haben die Skepsis jüngst noch verstärkt. Zum einen: In ihren vier Jahren als Außenministerin ist sie nicht nur eine Million Meilen rund um die Welt geflogen und hat 111 Länder besucht. Während dieser Zeit hat sie auch ihren gesamten E-Mail-Verkehr, den persönlichen wie den dienstlichen, wider alle Vorschriften über einen privaten Server abgewickelt. Nur was sie für bedeutsam hielt, reichte sie jetzt weiter, nicht ohne etwa 30.000 E-Mails zu löschen.

Zum anderen: Peter Schweizers Buch Clinton Cash, längst vor seinem heutigen Erscheinungstag medial weidlich ausgebeutet, förderte die Tatsache zutage, dass während ihrer Amtszeit im State Department – und mit ihrer Billigung? – die Clinton Foundation Milliarden an Spenden aus unappetitlichen Quellen entgegennahm, darunter die eines russischen Uran-Giganten, dem dies die Kontrolle über weltweite Reserven zuschanzte.

Uns Deutsche geht dies vielleicht alles nichts an. Aus unserer Warte ist die Frage wichtiger: Was wäre sie wohl für eine Präsidentin?

Dass sie sich jetzt trotz aller Nähe zur Wall Street als Fürsprecherin des "Alltagsamerikaners" ausgibt, als Vertreterin der seit 20 Jahren erodierenden Mittelklasse und Befürworterin eines "inklusiven Kapitalismus", als lebenskluge, mitfühlende Mutter und Großmutter auch – ich überlasse es gern den Amerikanern, darüber zu befinden. Die Frage, welche Außenpolitik sie betreiben würde, ist für uns viel wichtiger.

Da aber habe ich meine Zweifel. Hillary Clinton hat für den verheerenden Irak-Krieg gestimmt. Sie hat, unterstützt vom Quartett ihrer Beraterinnen, Obama in den fatalen Libyen-Krieg getrieben. Sie hat den "Neustart" mit Russland erst initiiert, dann versemmelt. Gewiss, sie hat die Sanktionen durchgesetzt, die den Iran an den Verhandlungstisch zwangen. Aber welches Weltbild, welcher Handlungsantrieb steckt dahinter? Wohl hat sie angedeutet, dass Obamas außenpolitisches Grundprinzip We don’t do stupid stuff (Original: stupid shit) keine strategische Doktrin darstellt. Aber was ist ihre Vorstellung einer strategischen Doktrin? Sie nennt sich eine "idealistische Realistin". Ich halte sie für eine Interventionistin, die uns zu schaffen machen wird.

Als eingefleischten Demokraten bekümmert mich indes noch etwas ganz anderes: die Dynastisierung der amerikanischen Demokratie. Die Vereinigten Staaten haben wohl schon mehrere Präsidenten aus einer Familie gehabt: den zweiten Präsidenten John Adams und den sechsten, John Quincy Adams; den neunten Präsidenten William Henry Harrison und seinen Enkel Benjamin, auch Theodore Roosevelt (Nr. 26) und seinen entfernten Cousin Franklin D. Roosevelt (Nr. 32). Es hatte auch seine weiße, angelsächsische und protestantische Aristokratie, die Nachfahren der Mayflower-Einwanderer. Aber das Kennzeichen Amerikas war doch seit 150 Jahren die Meritokratie, eine Aristokratie des Verdienstes. Begabung und Leistung waren entscheidend, Familie, Herkunft, Stand spielten keine Rolle.

In einer Zeit, in der in den USA die Ungleichheit der Klassen ständig wächst; in der die Mittelschicht darbt und schrumpft; in der zunehmend nur noch die Kinder derer reüssieren, die Erfolg hatten im Leben, kann es nicht Wunder nehmen, dass der Guardian nicht nur von der Dynastisierung Amerikas spricht. Angesichts der finanziellen Verflechtung der neuen Dynastien mit der Wall Street und deren Wahlkampfkassen spricht das linksliberale britische Blatt rundheraus von einer "plutokratischen Bedrohung der stolzesten Demokratie der Welt".

Clinton will Clinton ins Weiße Haus folgen; zwei Bushs wollen die Nachfolge von zwei Bushs antreten. Nordkorea, Singapur, Saudi-Arabien lassen grüßen: Kim nach Kim nach Kim, Lee nach Lee, al-Saud nach al-Saud nach al-Saud.

"Amerika, du hast es besser, hast keine Burgen, keine Schlösser", schwärmte einst Goethe. Nun aber doch: Prinzen und Prinzessinnen? Krönungen statt Konkurrenzdemokratie?