Nach den Niederlagen in Kobani und Tikrit ist der "Islamische Staat" (IS) wieder auf dem Vormarsch. Am Sonntag nahmen die Gotteskrieger die westirakische Provinzhauptstadt Ramadi ein, für die Zentralregierung in Bagdad das größte Debakel nach dem Verlust von Mossul vor einem Jahr. Wieder flohen ganze Brigaden irakischer Soldaten in Panik aus der Stadt und ließen große Mengen an Fahrzeugen, Waffen und Munition zurück.

In Syrien bedrohen die Dschihadisten das Weltkulturerbe der antiken Stadt Palmyra, obwohl sie nach heftigen Gefechten mit mehr als 200 Toten zunächst aus der modernen Stadt Tadmur nebenan vertrieben werden konnten. Doch die Gefahr ist nicht gebannt. Am Montag beschossen die Angreifer Wohnviertel mit Raketen, durch die mindestens fünf Menschen starben. Am Standrand gab es erneut schwere Kämpfe. Die IS-Kommandos haben sich etwa einen Kilometer von dem antiken Ruinenensemble entfernt verschanzt.

Palmyra, das sich die vergangenen vier Jahre fest in der Hand des Assad-Regimes befand, ist weltberühmt. Hunderttausende westliche Touristen kennen das antike Juwel aus eigener Anschauung – anders als die bereits zerstörten irakischen Stätten Nimrud, Hatra und Ninive, die in den letzten 20 Jahren nur eine Handvoll Fachleute besuchen konnten. Insofern hätte eine Zerstörung von Palmyra eine maximale Schockwirkung für Europa und die westliche Welt.

Kämpfer als nordafrikanische Migranten getarnt

Gleichzeitig entwickelt sich das "Islamische Kalifat" außerhalb von Syrien und Irak immer mehr zu einem transnationalen Terrorimperium, dessen Filialen sich auch am südlichen Mittelmeer festsetzen – in Libyen, Algerien, Tunesien und Ägypten. Von Libyen planen die Terroristen nach einem Bericht der BBC nun offenbar systematische Angriffe auf Europa, indem sie glatt rasierte Kämpfer als Migranten getarnt auf Flüchtlingsboote einschleusen. "Wir werden Rom erobern", hatte bereits im Februar einer der schwarz vermummten IS-Kämpfer in einem Video deklamiert und seinen Dolch aufs offene Meer gestreckt, bevor seine Komplizen an dem libyschen Strand 20 koptische Christen vor laufender Kamera enthaupteten.

Der britische Sender beruft sich mit seiner Warnung auf den libyschen Regierungsberater Abdul Basit Haroun, der gute Kontakte zu einheimischen Bootsbesitzern hat. Nach dessen Angaben zwingt Libyens IS die Menschenschmuggler seit Neuestem, 50 Prozent ihrer Einnahmen der Terrormiliz abzuliefern und IS-Kämpfer auf den Schiffen mitzunehmen. So getarnt könne die europäische Polizei nicht ermitteln, wer vom IS sei und wer ein normaler Flüchtling. "Die Extremisten sitzen oft getrennt von den anderen Flüchtlingen", erklärte Abdul Basit Haroun. "Sie haben keinerlei Angst vor der Überfahrt – denn sie sind 100 Prozent IS." 60.000 Menschen haben nach Schätzungen der Vereinten Nationen in diesem Jahr bereits versucht, auf dem Seeweg nach Europa zu kommen. 1.800 sind dabei ertrunken, die Zahl der Opfer ist damit 20-mal höher als im gleichen Zeitraum 2014.

Flüchtlingsboote als schwimmende Bomben?

Die libysche Küste trennen von dem alten Kontinent meist nur wenige Hundert Seemeilen. Auch die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (Frontex) hatte zuvor bereits gewarnt, ausländische Dschihadisten könnten "irreguläre Migrantenwege" nutzen, um nach Europa zu kommen. Das italienische Verteidigungsministerium hält auch eine IS-Piraterie auf dem Mittelmeer für möglich, ähnlich wie vor Somalia. "Schnellboote könnten Fischerboote, Kreuzfahrtschiffe, kleinere Handelsschiffe oder die Küstenwache attackieren, um Geiseln zu nehmen und Lösegelder zu erpressen", heißt es in der Analyse der Italiener. Überfüllte Flüchtlingsboote könnten als schwimmende Bomben präpariert werden, um sie in der Nähe anderer Schiffe in die Luft zu jagen.

In Libyen kontrolliert der IS inzwischen drei Küstenregionen. Im Oktober 2014 waren radikale Kommandos aus der ostlibyschen Kleinstadt Derna die ersten außerhalb von Syrien und Irak, die dem "Islamischen Staat" die Gefolgschaft schworen. Inzwischen haben sie sich auch in Sirte, der Geburtsstadt von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi, festgesetzt, die in der Mitte des Landes liegt. Im Westen Libyens beherrschen die Dschihadisten die Gegend um Sabratha, wo sich auch die Ruinen der antiken römischen Stadt befinden.

Rückeroberung von Mossul in weiter Ferne

Im Irak kontrolliert die Terrormiliz seit dem Wochenende praktisch die gesamte westirakische Provinz Anbar, deren Grenze direkt an Jordanien stößt. Die zweitgrößte Stadt Falludscha haben die Gotteskrieger bereits seit Anfang 2014 in ihrer Gewalt. Zehntausende Einwohner der Provinzhauptstadt Ramadi sind vor den Gefechten Richtung Bagdad geflohen, seit die irakische Armee dort von den anstürmenden schwarzen Kriegern überrollt wird. Für den entscheidenden Durchbruch in das Stadtinnere setzte der IS glatt rasierte Kämpfer in irakischen Uniformen ein, die mit Sprengstoff beladene Geländewagen in die Stellungen der irakischen Einheiten rammten.

Jetzt erwägt der bedrängte Regierungschef Haider al-Abadi offenbar, schiitische Milizen in Ramadi einzusetzen, die am Montag vor den Toren der Provinzhauptstadt zusammengezogen wurden. Das jedoch könnte, wie bei der Rückeroberung von Tikrit, die Spannungen mit der sunnitischen Bevölkerung weiter verschärfen. Der iranische Verteidigungsminister Hossein Dehghan traf in Bagdad ein, denn bei vielen schiitischen Milizen hat Teheran das Sagen.

Auch im Kampf um die größte Raffinerie des Landes in Baidschi nördlich von Tikrit mussten die irakischen Streitkräfte eine schwere Niederlage hinnehmen. Nach Angaben von US-Militärberatern kontrolliert der IS inzwischen mehr als 80 Prozent der wertvollen Anlage, die zu Friedenszeiten rund ein Drittel des Treibstoffbedarfs produzierte. Die Macht über Baidschi gilt unter Fachleuten als entscheidende Voraussetzung für eine Rückeroberung von Mossul, die die Zentralregierung in Bagdad für den Herbst angekündigt hat. Der "Islamische Staat" war am 6. Juni 2014 in die Drei-Millionen-Metropole eingefallen und hat sie nun seit fast einem Jahr fest in seiner Hand.

Im syrischen Palmyra, das sich die vergangenen vier Jahre fest in der Hand des Regimes befand, konnten die Assad-Truppen die Angreifer am Sonntag wieder aus den nördlichen Vierteln der modernen Stadt vertreiben – vorerst. Denn nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte haben sich die IS-Krieger etwas zurückgezogen, halten sich aber immer noch in einem Kilometer Entfernung von dem antiken Ruinen-Ensemble auf.