Die Demonstranten in Israel ziehen eine Parallele, die sich in der Tat aufdrängt: "Baltimore ist hier", riefen viele der äthiopischstämmigen Juden, die in den vergangenen Tagen in Tel Aviv und Jerusalem gegen Polizeigewalt und Rassismus auf die Straße gingen. Ihre Erfahrungen mit Gängelungen, Misshandlungen und Übergriffen durch israelische Sicherheitskräfte vergleichen sie mit dem Rassismus, dem schwarze Amerikaner in den USA ausgesetzt sind. Und sie schauen auf die zahlreichen teils tödlichen Vorfälle, die zuletzt dort Unruhen und eine verschärfte Debatte über Diskriminierung ausgelöst hatten.

In Baltimore hatten Ende April teilweise gewalttätige Proteste begonnen, nachdem ein unschuldiger Schwarzer in Polizeigewahrsam schwere Verletzungen erlitten hatte. Ein Anlass für die israelischen Proteste, die am Wochenende ebenfalls in Gewalt umschlugen, war der Fall des äthiopischstämmigen Soldaten Damas Pakada. Eine Videoaufnahme dokumentiert, wie der schwarze Israeli in Tel Aviv von Polizisten grundlos zu Boden gestoßen und geschlagen wurde. Vor gut einer Woche war das. Danach war über einen weiteren Israeli äthiopischer Herkunft berichtet worden, der von Beamten der Einwanderungsbehörde angegriffen worden sein soll, die ihn für einen illegalen Einwanderer hielten.

Wie in den USA waren diese Vorfälle auch in Israel nicht beispiellos. Zuletzt hatte im Mai vergangenen Jahres der Tod des äthiopischstämmigen Yosef Salamseh die israelischen Schwarzen aufgebracht. Er war mit Freunden in einem Park, als Polizisten ihn beschuldigten, in ein Haus eingebrochen zu sein. Er stritt das ab. Die Beamten griffen ihn daraufhin mit einem Elektroschocker an, traten und fesselten ihn, warfen ihn ein Polizeiauto und brachten ihn auf ein Revier.

Gefühl der Hilflosigkeit

Angehörige fanden ihn noch immer gefesselt und bewusstlos dort vor. Nach einer medizinischen Behandlung wurde er schließlich ohne Weiteres freigelassen. Seine Familie will bedroht worden sein, als sie sich für Ermittlungen gegen die Polizisten einsetzte. Wenige Monate später wurde der junge Mann tot aufgefunden, die Behörden sprechen von Selbstmord. Die Familie sieht den Tod als Folge der Brutalität der Polizei und der Erniedrigungen, die er erleiden musste. Damals schon kam der Vergleich mit den USA auf: Viele sahen Salamseh als den "israelischen Michael Brown" – der 18-jährige Schwarze war von einem Polizisten in Ferguson erschossen worden.

Seit Jahren klagen die Israelis äthiopischer Herkunft über Benachteiligung und Diskriminierung: Fabriken nutzen sie als Arbeiter aus oder beschäftigen sie erst gar nicht, Wohnungsbesitzer wollen nicht an sie vermieten, Schulen lehnen ihre Kinder ab, Busfahrer lassen sie stehen – fast alles davon ist natürlich gesetzeswidrig, doch vielen wenig gebildeten schwarzen Israelis fehlt das Wissen um ihre Rechte. Und es mögen zwar immer Einzelfälle sein, doch es sind genug, damit jeder von solchen Erfahrungen berichten kann. Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, hat sich so verfestigt.

Besonders hilflos sehen sich die äthiopischstämmigen Israelis den Sicherheitsbehörden ausgeliefert: Ihnen werfen sie – analog zu den Problemen in den USA – eine Tendenz vor, vor allem junge Schwarze übermäßig zu kontrollieren, sie schneller in Verdacht zu haben, sie brutaler zu behandeln als weiße Bürger. Dass die Polizei hart gegen die Demonstranten vorgeht, bestätigt dieses Bild für sie nur, auch wenn sich den Protesten eine ganze Reihe nicht aus Äthiopien stammender Israelis angeschlossen haben.

"Wir haben Fehler gemacht"

In Israel leben inzwischen mehr als 135.000 äthiopischstämmige Juden, die seit den achtziger Jahren in mehreren, größtenteils organisierten Einwanderungsetappen ins Land kamen. Sie machen etwa 1,5 bis 2 Prozent der Bevölkerung aus. Von Beginn an gestaltete sich ihre Integration in die israelische Gesellschaft schwierig. Denn viele von ihnen kamen aus ländlichen Verhältnissen, hatten nur selten eine formale Bildung genossen. Die kulturellen Herausforderungen, vor denen sie im modernen, weitgehend europäisch geprägten Israel standen, waren enorm: eine neue Sprache, andere religiöse Rituale, soziale Normen und alltägliche Anforderungen. Laut der Organisation Ethiopian National Project, die die Interessen der äthiopischstämmigen Israelis vertritt, ist es noch immer die Bevölkerungsgruppe mit dem größten Anteil von Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben: 49 Prozent der Familien äthiopischer Israelis betrifft dies. Den Zugang zu höherer Bildung können sich die meisten nicht leisten.

Israels Präsident Reuven Rivlin dürfte nicht übertrieben haben, als er am Montag feststellte, die jüngsten Proteste – die bei Weitem nicht die ersten waren – hätten gezeigt, dass es "im Herzen der israelischen Gesellschaft" eine "offene Wunde" gebe. "Wir haben Fehler gemacht. Wir haben nicht genau genug hingesehen und nicht genug zugehört", sagte Rivlin. So sehen es wohl auch die Demonstranten, die bereits neue Proteste angekündigt haben.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und weitere Politiker trafen sich inzwischen demonstrativ mit Damas Pakada, dem Opfer des Polizeiübergriffs und Vertretern der äthiopischen Gemeinde. Mit einem ersten Ergebnis: Eine Ministerkommission soll nun helfen, die Schwierigkeiten äthiopischstämmiger Juden bei der Integration abzubauen – insbesondere in den Bereichen Bildung, Wohnen und auf dem Arbeitsmarkt. Netanjahu rief dazu auf, den Rassismus "mit der Wurzel auszureißen". Polizeichef Yohanan Danino entschuldigte sich bei Pakada, einer der Beamten wurde entlassen.

Das alles kommt spät, könnte aber ein Anfang sein. Die Wut der äthiopischen Juden hat exemplarisch gezeigt, wie gespalten die israelische Gesellschaft ist. Es wird mehr als ein schnelles staatliches Hilfsprogramm brauchen, vor allem einen auf Dauer funktionierenden Dialog, um dem jahrzehntelang ignorierten Rassismus entgegenzutreten. Auch das lehrt der Vergleich mit den USA.