Der Konflikt im Gazastreifen im Sommer 2014 war die gewalttätigste militärische Konfrontation, die die Region in den vergangenen Jahren erlebt hat. Nach Angaben der UNO kamen 2.205 Palästinenser ums Leben, 18.000 Wohnungen wurden beschädigt oder zerstört, und 108.000 Palästinenser wurden obdachlos. Dieses bisher nie dagewesene Ausmaß an Todesopfern und Zerstörung ist kein Zufall und sollte niemanden überraschen. Es ist die Folge einer bewussten Änderung der Art und Weise, in der die israelische Armee (IDF) ihre Kriege führt.

Diese Änderung begann im Jahr 2005, als Professor Asa Kasher und Generalmajor Amos Yadlin einen Aufsatz unter dem Titel "Militärische Ethik im Kampf gegen Terror: ein israelischer Blickwinkel" veröffentlichten. Dieser Aufsatz zeigt eine radikal veränderte Perspektive. Der Schutz Unschuldiger genießt hierin keine Priorität mehr. Stattdessen legt er eine "Hierarchie des Lebens" fest, die vier Ebenen umfasst. Zuerst kommt das Leben israelischer Staatsbürger, gefolgt von dem Leben der IDF-Soldaten. Das Leben feindlicher Zivilisten kommt an dritter Stelle, und zuletzt die feindlichen Kombattanten. Diese Hierarchie bestimmt, dass es die Pflicht der Armee ist, alles zu tun, um zu verhindern, dass IDF-Soldaten zu Schaden kommen, auch wenn dies wahrscheinlich dazu führt, dass unschuldige palästinensische Zivilisten im Gazastreifen darunter leiden.

Diese Doktrin prägte die Vorgehensweise der IDF im Gazastreifen und beeinflusste die Einsatzregeln, die israelische Soldaten im letzten Sommer während der Operation Protective Edge erhielten. Das lässt sich anhand der Zeugenaussagen von mehr als 60 Soldaten entnehmen, die die Menschenrechtsorganisation Breaking the Silence ("Das Schweigen brechen") gesammelt hat. Ein Zeuge beschreibt die Einsatzregeln wie folgt: "Die Anweisungen sind, sofort zu schießen. Wen auch immer du ausmachst, bewaffnet oder nicht – auf jeden Fall. Die Anweisungen sind sehr klar. Jede Person, der du begegnest, die du siehst – schieß auf sie, um sie zu töten. Das ist eine explizite Anweisung." Soldaten aller Dienstgrade erhielten Anweisungen dieser Art.

"Wir werden unverhältnismäßig viel Gewalt anwenden"

Eine zweite Doktrin, die die Vorgehensweise der IDF während der Operation Protective Edge prägte, war die Dahiya-Doktrin, die die IDF seit dem zweiten Libanon-Krieg in 2006 angenommen hat. In einem Interview im Jahr 2008 beschrieb der heutige IDF-Stabschef, Gadi Eizenkot (der damalige Chef des Nördlichen Kommandos der Armee), die Doktrin unverblümt: "Was in dem Dahiya-Viertel in Beirut in 2006 passiert ist, wird jedem Dorf geschehen, von dem aus Israel beschossen wird. Wir werden unverhältnismäßig viel Gewalt anwenden und massiven Schaden und Zerstörung anrichten. Für uns sind das Militärbasen." Generalmajor Gabriel Siboni führte aus: "Beim Ausbruch der nächsten Konfrontation muss die IDF schnell, entschlossen handeln, mit beispielloser Gewalt gegen die Bedrohung und Aktionen des Feindes, um Schaden anzurichten und um zu bestrafen, auf Ebenen, die eine langwierige und teure Rehabilitation erforderlich machen."

Entsprechend dieser Logik schlossen Aktionen der IDF völlig maßlose Zerstörungen mit ein. Zum Beispiel berichtet ein Soldat in seiner Zeugenaussage von schwerer Bombardierung, nachdem die Streitkräfte ihren Rückzug aus dem Gazastreifen begonnen hatten, als ein Waffenstillstand unmittelbar bevorstand: "Nachdem wir abgezogen waren, hörte ich einen Bumm. Ich schaute zurück und sah einen Luftangriff, man sagte uns: 'Ja, es wird einen Waffenstillstand geben, deshalb wollen wir das 'letzte Wort' haben, bevor wir abziehen.'"

Diese Doktrinen prägten das Vorgehen der IDF während aller Phasen des Kampfes im Gazastreifen. Prinzipien wie die "Waffenreinheit" und "der Wert menschlichen Lebens", die einst die Grundpfeiler des ethischen Kodexes der IDF waren, wurden aufgegeben.

Die Einsatzregeln des vergangenen Sommers deuten auf eine grundlegende Änderung der Normen hin, die die IDF-Kampfeinsätze leiten, was in der Operation Protective Edge gipfelte. Laut leitenden IDF-Offizieren wird dies auch weiterhin die Herangehensweise der IDF in zukünftigen Konflikten prägen.

Die IDF hat erklärt, ein Untersuchungsteam einzusetzen, das die Aufgabe hat, die Operation Protective Edge kritisch zu überprüfen. Während meines Militärdienstes bin ich den Ermittlungsmechanismen der IDF begegnet. Ich weiß, dass diese Mechanismen nicht dazu geeignet sind, die Politik zu untersuchen, die IDF-Aktionen leitet. Es werden höchstens ein paar Soldaten der unteren Ränge für vereinzelte Vorfälle zur Rechenschaft gezogen.

Deshalb fordern wir eine umfassende Untersuchung der Ereignisse im Gazastreifen im Sommer 2014. Diese Untersuchung muss von einem externen, unabhängigen Gremium durchgeführt werden.