Lange schweigt Baba Gawis. Seine Stirn ist tief gefurcht, der Mund unter dem dichten, schwarzen Bart fast unsichtbar. Auf dem Kopf trägt der hoch gewachsene Mann einen beigen Turban, der aus einem Wollband gewickelt ist und ihn als jesidischen Geistlichen ausweist. "Wir Überlebenden sind genauso tot wie die Ermordeten", murmelt er plötzlich unvermittelt. "So ein Leben brauchen wir nicht. Dann ist es besser, gleich mit zu sterben." Dabei ist es eigentlich die Aufgabe eines religiösen Oberhauptes, seine Mitgläubigen in der Not aufzurichten und zu trösten. Doch Baba Gawis, Wächter des jesidischen Heiligtums in Lalisch, hat keine Kraft mehr. 

Er fühlt sich nach den Massakern des "Islamischen Staates" wie jemand, der den historischen Untergang seines Volkes und seiner jahrhundertealten Religion mitansehen muss. Besucher empfängt der fromme Mann in einem winzigen Zimmer mit Steinfototapete, abgewetztem Ecksofa und zugigem Fenster. "Wo gibt es im Leben noch Platz für uns?", fragt er, bevor er seine Nerven mit einer hastig gerauchten Slim-Zigarette beruhigt. 73-mal in ihrer Geschichte seien die Jesiden verfolgt und massakriert worden, rechnet er vor. Doch so ein Inferno wie Daesh, wie hier alle abfällig die Terrormiliz des "Islamischen Kalifats" titulieren, habe sich niemand vorstellen können. 2.000 bis 3.000 Männer wurden auf der Stelle erschossen, über 5.000 Frauen und Kinder aus ihren Dörfern nach Mossul verschleppt und als Sexsklavinnen missbraucht – ein Kriegsverbrechen, das den Jesiden ihren Überlebenswillen und ihr moralisches Rückgrat brechen soll.

Seit jenem Schicksalstag, dem 3. August 2014, als die IS-Gotteskrieger zum ersten Mal mit ihren Jeeps in die jesidischen Dörfer der Sindjar-Ebene einfielen, ist Baba Gawis rund um die Uhr für seine verzweifelten Besucher da. Lalisch, das etwa 60 Kilometer von Dohuk entfernt liegt, ist ihr Heiligtum und Pilgerzentrum. Vor der Apokalypse kamen jedes Jahr Zehntausende die schmale Straße hinauf, die sich durch das für den kurdischen Nordirak typische Karstgebirge schlängelt. Jetzt ist die kleine Anlage mit ihren drei gerippten Spitztürmen praktisch menschenleer. Nur eine Handvoll junger Männer kümmert sich um die 366 Olivenölkerzen auf dem Gelände, die das ganze Jahre rund um die Uhr als ewige Lichter brennen.

Mehr als die Hälfte der 800.000 irakischen Jesiden hat alles verloren. Allein in der Region um die Stadt Dohuk, wo normalerweise 1,3 Millionen Menschen wohnen, sind 750.000 Flüchtlinge gestrandet, darunter auch 250.000 Syrer und Zehntausende irakische Christen. Überall in den Ortschaften und entlang der Straßen sieht man Zeltlager oder provisorische Hütten, erkennbar an den blauen Plastikplanen gegen den Regen.

1.500 jesidische Frauen und Kinder sind inzwischen aus den IS-Gebieten zurückgekommen. Einige Geiseln konnten mithilfe kurdischer Geheimdienstler fliehen, andere wurden von Verwandten freigekauft, wie vor einer Woche Basma Sharaf: Ihr tunesischer Besitzer verlangte in der syrischen Stadt Tabka 10.000 Dollar für sie. Zuvor hatte sie in Mossul als Sklavin bei einer eingesessenen arabischen Familie schuften müssen. Von der Mutter und ihren drei Töchtern wurde sie ständig misshandelt und angeschrien. Ihre Rippen schmerzen noch heute von dem Sturz, als ihre Peinigerinnen sie die Treppe hinunterstießen.

Der unverheiratete Sohn der Familie missbrauchte sie. "Für eine vergewaltigte Frau ist das Leben die Hölle", sagt die 34-Jährige, die am 15. August zusammen mit ihren beiden jüngeren Schwestern Faiza und Vian verschleppt wurde. "Wir können nicht mehr lachen. Wir sind nicht mehr wie normale Menschen und müssen ständig daran denken, was uns zugestoßen ist." Vater und Mutter sowie einer ihrer vier Brüder werden immer noch vermisst.