Özlem Topçu ist normalerweise Politik-Redakteurin bei der ZEIT. Derzeit ist sie Mercator-IPC-Fellow am Istanbul Policy Center und schreibt auf ZEIT ONLINE über Politik und Leben in der Türkei. © Thies Rätzke

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, einige Stunden in Kobani zu verbringen. Das ist die nordsyrische Kleinstadt an der türkischen Grenze, die vergangenes Jahr weltberühmt wurde: Monatelang lieferten sich Kurdische Kämpfer von YPG (dem militärischen Arm der stärksten Partei PYD in der kurdisch-syrischen Region Rojava, zu der auch Kobani gehört) und PKK Gefechte mit dem "Islamischen Staat" (IS). Im Februar schließlich zog sich der IS zurück, die Front ist nun mittlerweile 30 bis 40 Kilometer weit entfernt, heißt es. Und Kobani scheint in der westlichen Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten zu sein. 

Kobani - Eindrücke vom zerstörten Kobani

Gemeinsam mit Ziya Pir, einem Kandidaten der prokurdischen Partei HDP konnten ich mir ein Bild davon machen, was aus der Stadt seitdem geworden ist.

Der Anblick von Kobani lässt wahrscheinlich nur im Ansatz erahnen, wie es im Rest des Landes aussieht, das nun seit bald vier Jahren vom Bürgerkriegs gequält wird. Es steht kaum noch ein Haus, Kobani liegt in Trümmern, wie sollte es anders sein. In den Ruinen leben teilweise Menschen, es hängt Wäsche zwischen Trümmern und Eisenträgern, die mal für die Stabilität der Häuser sorgen sollten. Hier und da stößt man auf ein Auto, das auf dem Dach liegt. Der Krieg hat Skurriles hinterlassen.

Aber auch viel Kraft. Mehrere Zehntausend Menschen flohen während der Kämpfe in die Türkei. Allmählich kehren nun immer mehr zurück. Was sollten sie anderes tun,  als das Leben in ihrer Heimat wieder zum Laufen zu bringen? Es haben Geschäfte geöffnet, Einzelhandel, Lebensmittel, Kfz-Mechaniker, Metzger, man sieht sogar Klamottenläden. Erstaunlich viele Kinder sind auf den Straßen, sie spielen, sie toben, was auch sonst, schließlich sind es Kinder. Eine der entscheidenden Fragen für die Zukunft wird sein, was aus dieser Generation von traumatisierten Kindern mit Kriegs- und Fluchterfahrung werden soll. Sie haben in ihren kurzen Leben Unvorstellbares gesehen und erlebt.

Die Menschen machen weiter, mit den wenigen Mitteln, die sie haben. Hilfe von außen gibt es kaum. Warum das so ist, darüber habe ich mit einem der besten Kenner Rojavas in Deutschland gesprochen, mit Martin Glasenapp. Er ist Nahost-Referent der Hilfsorganisation Medico International und war häufig vor Ort.

ZEIT ONLINE: Was wird in Kobani am dringendsten gebraucht – und wie kann man es dort hinbeschaffen?

Glasenapp: Eigentlich brauchen die Menschen alles. Aber vor allem Elektrizität und Diesel. Ohne letzteres funktioniert kein Generator, und ohne Strom gibt es kein Wasser aus den wenigen Brunnen, die Kobani hat. Seit mehr als zwei Jahren ist die Stromversorgung gekappt und die Wasserleitungen unterbrochen. Weiter benötigt werden Nahrungsmittel, denn die täglich wachsende Zahl der Rückkehrer übersteigt alle Möglichkeiten der Stadtverwaltung, eine geregelte Versorgung zu garantieren. Kobanis Landwirtschaft gehörte zur ertragreichsten in ganz Syrien, aber letztes Jahr konnte nicht gesät werden, und der IS hat viele Dörfer und Felder vermint. Es fehlt auch an schwerem Baugerät, um den Schutt zu räumen, damit überhaupt erste Wiederaufbaupläne gemacht werden können. 

Aber auch die Gesundheitsversorgung ist fast vollständig zerstört. Von den vier Krankenhäusern von Kobani existiert keines mehr, während des Straßenkrieges in der Stadt wurde nur in einem ehemaligen Lagergebäude operiert. Sechs Ärzte und etwa 20 Krankenschwestern und -pfleger arbeiteten rund um die Uhr. Jetzt sind mehr Ärzte zurückgekommen, aber die Anforderungen sind auch gestiegen. In den Randgebieten des Kantons wird weiterhin gekämpft, täglich kommen Verletzte in  die Stadt, aber auch die Zivilisten brauchen eine umfassende medizinische Versorgung. Es geht um Alltagskrankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck, aber auch um Verletzungen durch Minen oder Sprengfallen.