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Wenn sich in diesen Zeiten irgendwo ein Volk erhebt und eine Regierung fällt, ist der Verantwortliche für weite Teile der Linken schnell ausgemacht: Die Amerikaner waren es. Sie waren sich doch schon früher nie zu schade für Putschversuche, wenn es den eigenen Interessen genehm war. Dafür war ihnen jedes Mittel recht, ob nun in Panama, in Chile, in Nicaragua, im Iran – die Liste ließe sich lang fortsetzen. Warum also soll es auf dem Maidan in der Ukraine 2014 anders gewesen sein? Nur, dass man diesmal eben das Volk aufgewiegelt hat.

Gern wird dann das Buch Die einzige Weltmacht des früheren amerikanischen Präsidentenberaters Zbigniew Brzezinski bemüht. Darin bezeichnet er die Ukraine als "geopolitischen Dreh- und Angelpunkt", der über die Tektonik Europas entscheide – als wäre dieser Befund schon Beweis amerikanischer Machtpolitik und nicht erst Theorie.

Die Rolle der USA in Ost- und Mittelosteuropa wird dermaßen überschätzt und überladen, dass ein kurzer historischer Rückblick die Einschätzung erden hilft. Denn ähnlich wie die Ukraine heute kennt sich besonders ein Land mit Enttäuschungen und Entzauberungen amerikanischer Art ziemlich gut aus, Polen nämlich.

1973 erschien in der polnischen Exil-Zeitschrift Kultura ein Text des Publizisten Juliusz Mieroszewski über die amerikanische "Ostpolitik". Mieroszewski gehörte zu jenem Umfeld Intellektueller und Literaten, die aus Polen fliehen mussten und von Paris aus mit Worten für eine unabhängige Heimat kämpften. Während also die Amerikaner für ihren antikommunistischen Vietnamkrieg 120 Milliarden Dollar ausgegeben haben, bemerkte Mieroszewski bitter, bekam der Aufstand in Ungarn, ebenfalls gegen ein repressives kommunistisches Regime gerichtet, keine 120 Dollar.

So wie heute  mancher Ukrainer waren damals viele oppositionelle Polen davon überzeugt, Amerika sei ihr natürlicher Bündnispartner, der sie im Kampf gegen den Kommunismus unterstützen würde. Die Hoffnung war verständlich, vergeblich war sie dennoch.  

Ukraine-Politik ist für die USA vor allem Symbolik

Während für die Polen die "polnische Sache" das Alpha und Omega jeder Politik sei, schrieb Mieroszewski, existiere sie für die Amerikaner schlichtweg nicht. Für ihn war die Gleichung letztlich einfach: Die Sowjets seien zugleich Rivale und Partner der USA, deshalb würden sich die Amerikaner niemals ernsthaft darauf einlassen, die politische Kartographie Osteuropas zu verändern. Das präge ihre Politik und nicht etwa die Aufstände in Budapest, Prag oder Danzig, die man mit viel Sympathien betrachtete, mehr aber auch nicht. "Insgesamt muss man feststellen, dass die amerikanische Ostpolitik auf der europäischen Bühne rein defensiv ist", schrieb Mieroszewski. "Diese defensive Strategie geht von einem Erhalt des Status quo und nicht seiner Änderung aus."

Diese Sätze schrieb der Publizist Anfang der siebziger Jahre, doch seitdem hat sich nicht viel geändert. Zweifelsohne bleibt die Ukraine für Amerika wichtig – aber sie wird Barack Obama nie so wichtig sein, dass er darüber einen endgültigen Bruch mit Russland riskieren würde. Und so wie Richard Nixon 1972 schließlich nach Moskau fuhr und die dort Herrschenden in ihrem Machtanspruch vergewisserte, so reiste auch jetzt der amerikanische Außenminister John Kerry nach Russland und sagte Sätze, die für die Ukrainer ziemlich ernüchternd gewesen sein müssen.

Die Amerikaner sind davon überzeugt, dass sie Russland für ihre Politik im Mittleren und Nahen Osten brauchen. Ihre Ukraine-Politik ist derzeit vor allem ein bisschen Symbolik, den Rest soll lieber die EU machen.

Fragliches Menschenbild der Linken

Jene, die davon überzeugt sind, dass der Maidan-Aufstand in Kiew eine fingierte und gekaufte Sache war, wird die Erinnerung an Mieroszewski nicht überzeugen. Die Amerikaner haben dank Stiftungen und Organisationen wie USAID oder National Endowment for Democracy über Jahrzehnte Millionen in der Ukraine ausgegeben; haben zivilgesellschaftliche NGOs finanziert, Wahlbeobachter ausgebildet, Antikorruptionskampagnen vorangebracht.

Die von dem Milliardär George Soros finanzierte Stiftung Renaissance in der Ukraine hat verhafteten Maidan-Aktivisten die Anwälte bezahlt, zivilgesellschaftliche Treffen koordiniert und die Versorgung von Verwundeten mitfinanziert. Aber diese Unterstützung taugt nicht als Erklärung dafür, warum sich im Winter 2014 Zigtausende mitten in Kiew gegen ihre Machthaber erhoben.

Die Fixierung auf Amerikas Macht, die Projektion von einer Übermacht spiegelt nicht nur ein Weltbild wider, das gern von einem Teil der nostalgischen Linken gepflegt wird, die der alten Blockaufteilung der Welt nachtrauern. Es verrät vor allem viel über deren Menschenbild: dass Menschen grundsätzlich käuflich sind. Dass Überzeugungen keine Rolle spielen, sondern das Ergebnis perfider Manipulationen sind. Dass ein paar Millionen Dollar reichen, damit Menschen gleich Zombies auf die Straße gehen und ihr Leben aufs Spiel setzen.