Nach dem verheerenden Schiffsunglück im Mittelmeer, bei dem vor ein paar Wochen mindestens 800 Flüchtlinge ums Leben gekommen waren, hat die Bundeswehr nun zwei Rettungsschiffe in die Straße von Sizilien entsandt.

Kaum kreuzten sie dort am vergangenen Freitag zum ersten Mal auf, mussten sie unverzüglich tätig werden. Die Fregatte Hessen nahm in internationalen Gewässern etwa 250 schiffsbrüchige Flüchtlinge an Bord und der Einsatzgruppenversorger Berlin griff in einem Seegebiet rund 70 Kilometer nordöstlich der libyschen Hauptstadt Tripolis 180 in Seenot geratene Flüchtlinge auf.

Sie retteten damit Menschen in einem Seegebiet, in dem die Schiffe der EU-Mission Triton nicht mehr patrouillieren. Denn Tritons Radius endet grundsätzlich an Europas Grenzen, also 30 Kilometer vor der italienischen Küste. So haben es die EU-Innenminister beschlossen.

Dieser Noteinsatz der deutschen Marine demonstriert also, wie dringend und wichtig Seenothilfe auf der hohen See des Mittelmeeres ist. Zugleich zeigt er aber auch, dass zwei Bundeswehrschiffe nicht ausreichen, um die humanitäre Katastrophe in dieser Gegend auch nur halbwegs in den Griff zu bekommen.

Deshalb wurde am Wochenende in Berlin der Verein SOS Mediterranee gegründet. Vorsitzender ist der Kapitän zur See Klaus Vogel, der bis vor Kurzem noch für die Reederei Hapag Lloyd große Containerschiffe über die Weltmeere steuerte. Das Ziel der neuen Organisation: So schnell wie möglich will sie mithilfe privater Spenden ein 60 bis 80 Meter großes Schiff leasen oder kaufen, das 600 bis 800 Schiffbrüchige an Bord nehmen und notdürftig medizinisch versorgen kann. Es soll nicht in einem Hafen liegen, sondern auf hoher See, direkt an der Grenze zum libyschen Hoheitsgewässer fahren.

Seenot schon wenige Kilometer nach Auslaufen

Denn was kaum bekannt ist: Viele der von Tripolis und anderen libyschen Häfen aus startenden Flüchtlingsschiffe geraten oft schon wenige Kilometer nach ihrem Auslaufen in Seenot, meist nur zehn bis zwanzig Kilometer von der Küste entfernt. Oft sind keine Schiffe in der Nähe, die schnell genug zur Stelle sein könnten.

Ungefähr sechs bis acht Stunden benötigt ein Rettungsboot, um von der nahe gelegenen italienischen Insel Lampedusa libysches Gewässer zu erreichen. Das ist meist zu lange, um noch rechtzeitig helfen zu können. Nach offiziellen Angaben sind allein in den vergangenen vier Monaten bereits 1.800 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben gekommen. Die wahre Zahl jedoch dürfte ungleich höher sein, denn etliche Boote, besonders die kleinen, sinken, ohne dass irgendjemand davon erfährt. Schätzungen zufolge starben zwischen 2000 und 2014 mindestens 23.000 Menschen bei ihrer Flucht übers Mittelmeer.

Überdies: Die Augen der Weltöffentlichkeit richten sich vor allem auf das Flüchtlingsdrama in der Straße von Sizilien, und ohne Zweifel lauern dort derzeit die größten Gefahren. Doch ähnliche Katastrophen ereignen sich ebenso auf dem Seeweg vom türkischen Festland zu den griechischen Inseln oder von der afrikanischen Küste zu den kanarischen Inseln.

Zupackende Helfer auf griechischen Inseln

Dieses Leid hat der griechische Fotograf Giorgos Moutafis mit ebenso beeindruckenden wie erschreckenden Bildern festgehalten und auf der Gründungsveranstaltung von SOS Mediterranee gezeigt: Flüchtlinge, die mit bloßen Händen Gräber für jene ausheben, die die Überfahrt nicht überlebt haben. Griechische Kriegsschiffe, die um ihr Leben rudernde Flüchtlinge zurücktreiben. Menschen, die sich selber verstümmeln, um einer Deportation zu entgehen.

Der deutsche Vorsitzende von Ärzte der Welt, Heinz-Jochen Zenker, berichtete von haarsträubenden Zuständen auf einigen griechischen Inseln, aber auch vom mutigen Engagement und der zupackenden Hilfe vieler Griechen. So kümmern sich auf der kleinen Insel Tiros die 800 Einwohner geradezu rührend um jene 1.100 Menschen, die in den letzten Wochen an ihrer Küste gestrandet sind. Die meisten Flüchtlinge werden irgendwann nach Athen weitergeschickt. Auch das weiß kaum jemand: "In der Fünf-Millionen-Metropole Athen", so Zenker, "ist inzwischen jeder Zehnte ein Flüchtling".

Einer der modernsten Seenotrettungsdienste der Welt

Im Sommer wird SOS Mediterranee auch einen französischen Zweig erhalten. Gemeinsam möchte man möglichst bald auch ein Schiff zur Rettung von Flüchtlingen in der Ägäis und vor den Kanarischen Inseln kreuzen lassen.

Es gibt ein großes Vorbild: Vor genau 150 Jahren, am 29. Mai 1865, wurde die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger aus der Taufe gehoben. Sie ist heute einer der modernsten Seenotrettungsdienste der Welt, ausschließlich von privaten Spenden finanziert. Auslöser für die Gründung war damals der Untergang des Schiffes Johanne vor der Insel Spiekeroog. An Bord waren 84 Auswanderer, die auf ein besseres Leben hofften und nur wenige Seemeilen nach dem Start in der Nordsee ums Leben kamen.