Angehörige der Rohingya in einem Flüchtlingslager in Indonesien © Beawiharta/Reuters

Bis die Nachricht von Tausenden hoffnungslos im Golf von Bengalen treibenden Rohingya bekannt wurde, war die Volksgruppe vielen Europäern vermutlich kein Begriff. Dabei werden die meisten von ihnen, die in Thailand Urlaub gemacht haben, einem ihrer Angehörigen schon begegnet sein: Vielleicht hat ein Rohingya die Hotelbetten gemacht oder die schmutzigen Teller abgeräumt. Viele Arbeitskräfte für Thailands Tourismusindustrie gehören nämlich der muslimischen Minderheit aus Myanmar an.

Illegal für wenige thailändische Baht in der Spülküche eines Restaurants oder Hotels zu schuften, ist für viele Rohingya Motivation genug, sich in die Hände von Schleppern zu begeben – die sie möglicherweise für Arbeit auf Fischkuttern versklaven. Denn in ihrer Heimat Myanmar ergeht es vielen von ihnen weit schlimmer: Von einem "schleichenden Völkermord in den vergangenen 35 Jahren" spricht der Menschenrechtsaktivist Maung Zarni, der drei Jahre über die Situation der Rohingya geforscht hat und derzeit an der Universtität Harvard lehrt.

Die Flüchtlingskrise lenkt nun die weltweite Aufmerksamkeit auf die katastrophale Situation der mehr als 800.000 muslimischen Rohingya. Auch westliche Politiker lobten bei ihren Staatsbesuchen in Myanmar lieber die Fortschritte des Landes in Richtung Demokratie und Marktwirtschaft, anstatt auf die prekäre Lage der Minderheit aufmerksam zu machen.

Nun wird der Ton gegenüber Myanmar wieder rauer: US-Präsident Barack Obama ließ am Wochenende mitteilen, dass die Sanktionen gegen Myanmar wieder verschärft werden könnten, wenn der Staat weiter Minderheiten unterdrücke. Malaysias Premierminister Najib Razak sagte, die Flüchtlinge flöhen aus Myanmar wegen "innerer Probleme, in die wir nicht eingreifen können".

Auch Menschenrechtsorganisationen und politische Beobachter sehen in dem Regime den Verursacher der Flüchtlingskrise. "Es muss gewährleistet sein, dass die Bedingungen verbessert werden und die Rohingya nicht mehr aus Myanmar herausgedrängt werden", fordert etwa Lilianne Fan, eine in Bangkok arbeitende Konfliktforscherin für das britische Overseas Development Institute.

Diskriminierung und Hetzjagden

Die muslimische Minderheit ist nicht als eine der 135 einheimischen Bevölkerungsgruppen anerkannt und hat deshalb keinen Anspruch auf die myanmarische Staatsbürgerschaft. Als Folge reicht die Unterdrückung der staatenlosen Rohingya von Zugangsbeschränkungen zum Bildungs- und Gesundheitssystem bis hin zu gewalttätigen Hetzjagden, die teilweise sogar von staatlichen Sicherheitskräften unterstützt wurden. 2012 und 2013 sind laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch mehr als 200 Rohingya bei Vertreibungen getötet worden. Seitdem leben rund 140.000 von ihnen zusammengepfercht in Lagern.

Dort hat sich die Lage im vergangenen Jahr zusehends verschlechtert. Auch, weil wütende Mobs Lagerstätten und Büros von Nichtregierungsorganisationen nach Angaben der Vereinten Nationen angegriffen hätten. Die medizinische Versorgung sei mangelhaft, es gebe zu wenige Hilfsgüter. In diesen Lagern kommen viele Rohingya in Kontakt mit Schleppern – und machen sich auf die gefährliche Reise über das Meer. In den vergangenen zwei Jahren haben bereits mehr als 100.000 das Land verlassen.

Die Rohingya sind bislang die Leidtragenden des Wandels in Myanmar, der dank demokratischer Reformen seit 2010 eigentlich Aufbruchstimmung im Land verbreitet hat. Doch mit der Lockerung der Zensur haben auch radikale buddhistische Gruppen zu Hetzjagden aufgerufen. Aktivisten vermuten dabei einen Zusammenhang mit steigenden Landpreisen, die Vertreibungen lukrativer machen.