Albert Rivera ist derzeit omnipräsent in Spanien. Fast jeden Morgen gibt er ein Radiointerview, am Tag versorgt er seine Fans auf Twitter mit optimistischen Wahlkampfslogans: "Der 24. Mai wird Spanien verändern." Oder er schickt ein Foto aus dem knallorangenen Wahlkampfbus: Rivera im blütenweißen Hemd, den Daumen nach oben gereckt, natürlich vorschriftsmäßig angeschnallt. Cambio steht in Schreibschrift auf der Bustür – Wechsel. Rivera spricht im südlichen Valencia, im zentralen Madrid und im nördlichen Santander. Er ist immer in Bewegung.

Ciudadanos – Bürger – heißt die Partei, über die gerade ganz Spanien diskutiert. Sie definiert sich als moderate Protestbewegung. Seine Partei wolle den cambio sensato, den sanften politischen Wechsel, sagt Rivera: keine Revolution. Im Moment läuft sie damit sie der linken Protestpartei Podemos den Rang ab.    

Für Rivera und seine politischen Gegner bedeutet diese Woche Kampagnen-Endspurt: Am Sonntag wird in 13 der 17 spanischen Regionen (Autonomen Gemeinschaften) gewählt, das ist fast so, als würden in Deutschland fast alle Landtage neu bestimmt. Hinzu kommen Kommunalwahlen in ganz Spanien: Die spanischen Metropolen Madrid, Barcelona und Valencia entscheiden über ihren Bürgermeister. Der 24. Mai gilt als sehr wichtiger Testlauf für die nationalen Parlamentswahlen im Spätherbst.

Die großen Parteien haben Macht verloren

Der Aufstieg der Ciudadanos steht als Symbol für einen tiefgreifenden Wandel des spanischen Parteiensystems: Seit dem Ende der Franco-Diktatur, also seit Anfang der 1980er Jahre, beherrschten die zwei großen politischen Player PP (Konservative) und PSOE (Sozialisten) das Land im Wechsel, daneben gab es nur Splitterparteien. Dann erstarkte im Europawahlkampf 2014 die Partei Podemos (Wir können), entstanden aus Protest gegen die Sparpolitik der spanischen Regierung.

Und nun liegen Podemos und Ciudadanos jüngsten Umfragen zufolge fast gleich auf, während die Volksparteien zusammengeschrumpft sind: Die konservative Regierungspartei PP steht bei rund 25 Prozent, die Sozialisten bei 24 Prozent, Podemos kommt mit Verlusten zum Vorjahr auf 16 Prozent und die Senkrechtstarter der "Bürger" schon auf 14 Prozent. Im Januar standen sie noch bei 3 Prozent.

Für den Wahlkampf machte er sich nackig

Parteichef Rivera ist ein geschickter Stratege: Mit seiner Partei spricht er Spanier an, die einerseits die Nase voll haben von den politisch verkrusteten Verhältnissen im Land, von der Korruption und der Selbstbedienung der politischen Klasse. Die andererseits aber an der Protestbewegung Podemos zweifeln und sich fragen, ob diese nicht zu radikal sei.

Hinzu kommt das Charisma des ansehnlichen Spitzenkandidaten: Er ist stets gut gekleidet, höflich und gut gelaunt. Und er weiß, wie man sich inszeniert: 2006, Rivera war ein junger Anwalt und hatte gerade die Ciudadanos in Barcelona gegründet, zog er sich für sein erstes Wahlkampfplakat nackt aus – natürlich der Forderung nach politischer Transparenz wegen. Später lobte er aber auch die "gute Marketingkampagne".

Im regionalen Parlament Kataloniens sitzt die Bewegung erst seit 2012, bisher ist sie dort inhaltlich nicht weiter aufgefallen. Im landesweiten Wahlkampf verkaufen sich die Ciudadanos nun auch als eine Art spanische FDP – genauso bunt und wirtschaftsliberal. Sie kämpfen gegen Korruption, gegen Bürokratie und für einen neuen Gründergeist. Sie wollen die Einheit Spaniens erhalten, dem zunehmenden Regionalismus entgegentreten. Die Bewegung ist dezidiert proeuropäisch.

Pferdeschwanz gegen perfekten Schwiegersohn

Für den international viel beachteten Podemos-Gründer Pablo Iglesias sind das keine guten Nachrichten. Mit Rivera hat der 36-Jährige einen spannenden Konkurrenten bekommen. Beide entstammen derselben Generation junger Spanier, die die Wirtschaftskrise beim Berufseinstieg miterlebten, die Verhältnisse verändern wollten und darüber Politiker wurden. Doch was ihren Auftritt und ihre Ideen betrifft, könnten Iglesias und Rivera unterschiedlicher nicht sein. Iglesias, ein Professor für Volkswirtschaft, trägt einen langen Pferdeschwanz, er geißelt die Euro-Sparpolitik der spanischen Konservativen, will die Kluft zwischen "dem Volk und der Kaste" verkleinern und tritt kompromisslos auf.

Anwalt Rivera hingegen, 35 Jahre alt, ist in Auftritt und Habitus inzwischen nicht mehr rebellisch-nackig, sondern der Typ perfekter Schwiegersohn. Das Wirtschaftsprogramm, darauf ist die neu gegründete Partei stolz, wurde von Professoren der London School of Economics erarbeitet. Das gefällt auch eher konservativ eingestellten Spaniern. Rivera will nicht unbedingt die Sparreformen im Land zurückdrehen, sondern lieber unbeschwertes Wirtschaften vereinfachen. Die von den großen Parteien beschlossene Straffreiheit für reuige Steuersünder sieht er positiv. Gleichzeitig verweist er gern darauf, dass Podemos-Vertreter Kontakte zum sozialistischen Venezuela unterhielten. Ciudadanos, so warb auch der Kandidat der spanischen Insel Menorca kürzlich, stehe für "Reformen, nicht für die Revolution".