Unterstützer der pro-kurdischen Partei HDF in Istanbul © Murad Sezer/Reuters

Selahattin Demirtaş, Parteichef der HDP, steht an einem warmen Frühlingsabend in einem Istanbuler Park auf einer sehr großen Bühne, vor ihm eine sehr große Menschenmenge. Sie haben sich eingesungen zuvor und eingetanzt, so wie es üblich ist im Wahlkampf in dieser musikverrückten Türkei, bei der HDP sowieso, zum Festival haben sie die Veranstaltung erklärt.

Jetzt sind die Trommeln verstummt, und nur noch ein paar Möwen am Himmel kreischen. Demirtaş, auf den in diesen Tagen das ganze Land schaut, zählt auf, was alles passieren würde, sollte seine Partei nur ein paar mehr, die entscheidenden Stimmen holen: Die diktatorische Staatsführung wäre gestoppt. Die regierende AKP würde auseinanderfallen. Präsident Recep Tayyip Erdoğan verlöre seine Gefolgsleute und Anhänger. Es wäre ein Sieg für alle Frauen, ein Sieg für den weltweiten Klassenkampf, ja, sogar ein Sieg gegen den "Islamischen Staat" in Syrien und im Irak. Demirtaş sagt: "Es wäre auch ein Sieg gegen den Imperialismus im Mittleren Osten!"

Natürlich übertreibt der Mann. Aber nur ein bisschen.

Die Zukunft der Türkei hängt aktuell von nichts so sehr ab wie vom Abschneiden der prokurdischen HDP und deren Co-Vorsitzenden Demirtaş bei den Wahlen am 7. Juni. Schafft es die HDP über die Zehnprozenthürde und damit ins Parlament, wird die bisher regierende AKP keine Zwei-Drittel-Mehrheit haben, um die Verfassung nach ihren Wünschen zu ändern. Damit wäre Erdoğans Plan, im Land ein Präsidialsystem mit mehr Macht für sich und sein Amt einzuführen, vorerst gescheitert. Eine starke HDP könnte sogar dafür sorgen, dass die AKP ihre Regierungsmehrheit verliert. Es wäre das Ende einer dreizehnjährigen Erfolgsserie. Demirtaş und seine Partei sind deshalb die größte Bedrohung für Erdoğan – und sein Alptraum.

Im Park haben die HDP-Anhänger Fahnen aufgehängt. "Wir kämpfen für die Pressefreiheit" steht auf ihnen, "Freie Frauen" oder "Für eine große Menschlichkeit". Es sind die Wahlkampfsprüche einer Partei, die zwar in der Tradition älterer kurdischer Parteien in der Türkei steht, aber doch neu und anders ist in diesem Land. Und das ist für die Zukunft vielleicht noch wichtiger als die strategische Bedeutung der HPD bei diesen Wahlen.

Er schreit nicht

Vor allem Demirtaş schafft es, sich als echte Alternative zu den anderen Parteien zu präsentieren, zu den alten kemalistischen Eliten der CHP, den neuen islamisch-konservativen Eliten der AKP und den Nationalisten der MHP. Zu all jenen Parteien also, die sehr genau wissen, wie sie die Türkei formen wollen. Die HDP setzt auf Ökologie, Gleichberechtigung und Minderheitenrechte. Sie will die Vielfältigkeit des Landes ernst nehmen, in dem Türken, Kurden, Sunniten, Aleviten und noch viele andere Gruppen miteinander leben.

Das ist auch eine Frage des Stils. Demirtaş schreit nicht, wie es im türkischen Wahlkampf so üblich ist, er heizt dem politisch sowieso schon so aufgeheizten Land rhetorisch nicht noch weiter ein. Er macht Witze über seine Gegner, aber er beleidigt sie nicht. Eine Besonderheit in der Türkei, in der die politischen Lager abgrundtief verfeindet sind.

Unterstützung von Militanten

Dazu kommt bei der HDP ein klassisch sozialistischer Zungenschlag, der besonders bei jungen Wählern verfängt: "Wenn wir alle, auch die Unterdrückten, zusammen eine demokratische Führung organisieren, werden wir alle zusammen, Arbeiter und Dorfbewohner Hand in Hand, die Staatsführung aufbauen", ruft Demirtaş im Istanbuler Park. Gerade hat auch die DHKP-C ihre Unterstützung für die HDP erklärt; die marxistisch-leninistische Untergrundorganisation war für einige tödliche Anschläge in den vergangenen Jahren verantwortlich. Die HDP nahm den Beistand der Militanten dankend an.

Das passt zur Kritik der erbittertsten Gegner an der HDP: dass sie eigentlich nur als Politiker getarnte Terroristen sind. Der pseudo-politische Arm des gewalttätigen kurdischen Kampfes.