Als die Fotografen abdrücken, ist die Anspannung verflogen. Endlich strahlen die jungen Gesichter in die Kameras, hält jeder der zehn Schüler sein weinrotes Dokument hoch. Ein Mädchen in türkisfarbenem Rock und weißer Bluse probt eine Modelpose mit leichtem Hüftknick. Nur der Minister, ein Koloss von einem Mann in schwarzem Textil, blickt ernst in die Kameras. Schließlich ist es ein festlicher Moment, ein "weiterer Schritt in Richtung Staatlichkeit", wie er vorher gesagt hat, und "eine große Anstrengung in einer schwierigen Zeit".

"Passport" prangt in Goldbuchstaben auf dem Ausweis, darüber ein sowjetisch wirkendes Abzeichen und die Aufschrift "Luhansker Volksrepublik". Vor ein paar Minuten standen die Schüler noch aufgereiht an einer Wand des Büros, das eigens für diese Zeremonie leergeräumt wurde, geschmückt mit der Fahne der Separatisten. Sie wirken angespannt, verschüchert, mundfaul. "Ich bin hier, weil wir Pässe bekommen", lässt sich eine 16-Jährige entlocken. Wie sie das findet? "Ganz gut." Eine andere Schülerin spricht von der "großen Ehre", Staatsbürgerin der LNR abgekürzten Republik zu werden. Die anderen schweigen.

Die Mädchen in ihren knapp geschnittenen Kleidern, hautfarbenen Strümpfen und hochhackigen Schuhen, die Jungen in schlottrigen Anzughosen und überhängenden Hemden – so richtig weiß keiner von ihnen, warum ausgerechnet sie in dieses Zimmer im Zentrum von Luhansk gebeten wurden. Als klar wird, dass der angekündigte Staatschef Igor Plotnitskij nicht mehr kommt – "ein wichtiger Termin außerhalb" –, übernimmt Vize-Innenminister Igor Markow die Führung. Er spricht vom "rechtlichen Kollaps", den die LNR, Teil des früheren ostukrainischen Gebiets Luhansk, bei ihrer gewaltsamen Ablösung von der Ukraine erlebt habe. Daher habe man entschieden, die Rechte jener zu schützen, die es am nötigsten hätte: der jungen Generation.

Es sind zehn von eineinhalb Millionen, die hier nun mit ihren 16 Jahren, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die ersten Pässe der jungen Republik erhalten. Vizeminister Markow spricht von der Zukunft und vom Studieren in Russland, obwohl noch nicht einmal klar ist, ob man mit diesem Pass, der eigentlich ein Personalausweis ist, überhaupt nach Russland reisen kann. Es versteht sich von selbst, dass alle anderen Staaten der Welt ausgeschlossen sind. Derzeit liefen Gespräche auf Regierungsebene zwischen Luhansk und Moskau, sagt Markow. "Die Frage ist praktisch entschieden", versichert er.

Bei den großen Schritten der Luhansker Führung kann es schon einmal vorkommen, dass dazwischen etwas ausgelassen wird. Die LNR habe bereits Pässe, aber noch gar kein Gesetz über die Staatsbürgerschaft, sagt ein russischer Journalist vorwitzig zum Minister. Man habe schnell reagieren wollen, entgegnet Markow, damit die Jugendlichen hier nur ja nicht in ein Gesetzesvakuum fielen. Einen ukrainischen Reisepass können die Schüler in jedem Fall beantragen. Das wird an diesem Tag aber nur so nebenbei erwähnt.

Gesucht: die blonde Sniper-Braut im Hakenkreuz-Tanktop

Vor mehr als einem Jahr hat die Volksrepublik Luhansk ihre "Eigenständigkeit" von der Ukraine erklärt. Es ist ein verschwommener Begriff, kann Autonomie oder gar Unabhängigkeit bedeuten. Wie es gerade gefällt. Dieser ungeklärte Status gehört zum Kalkül der LNR.

Im vergangenen Sommer standen die ukrainischen Truppen am Rande der Hauptstadt Luhansk, sie waren bedrohlich nah, und ihre Geschosse gingen auf die Bewohner nieder. Eine halbe Million Menschen lebte hier früher, mehr als die Hälfte floh. Die Belagerung dauerte mehrere Wochen, es gab kein fließend Wasser, und bei den Verbliebenen hat sie tiefe Spuren in der Psyche hinterlassen. Doch Luhansk fiel nicht in diesem heißen Sommer von 2014. Heute steht die ukrainische Armee abgedrängt im 20 Kilometer entfernten Schastia, der Beschuss ist vom Zentrum aus in der Ferne zu hören.

Doch Luhansk tickt trotz der relativen Ruhe noch immer im Kriegsmodus. Der äußere Feind lauert gefühlt an jeder Straßenecke, Bewaffnete "bewachen" zu jeder Tages- und Nachtzeit die Ausländer im Hotel der Stadt, der Geheimdienst ist bei verdächtigen Personen schnell und in großer Zahl zur Stelle, Männer in Camouflage und ohne Abzeichen ziehen durch die schnurgeraden Straßen. Am Sicherheitscheck im Regierungsgebäude dann Aushänge von Gesuchten: eine 19-jährige ukrainische blonde Sniper-Braut in einem verstörenden Hakenkreuz-Tanktop, äußerst gefährlich, wie ein Wachmann versichert; sie habe sich darauf spezialisiert, Vertreter der prorussischen Milizen aus allernächster Nähe zu erschießen. Fünf Opfer, von den Reizen der Blonden angelockte Männer, soll sie schon auf dem Gewissen haben. Hier im Osten hat jeder seine Feinde, und die Räuber von Luhansk haben ihre Räuberpistolen.

Es ist genau dieser Ruf, der der LNR vorauseilt: eine Republik der Räuber und Warlords, die sich um Gesetze nicht scheren und ihre Opponenten in Kellern verschwinden lassen. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Die "Eigenständigkeit" soll auf legitimen rechtlichen Füßen stehen. Die Führung von Luhansk hat begonnen, die politische Wirklichkeit in Worte zu fassen. Es gibt eine Verfassung, auch ein Gesetz über das Kriegsrecht hat Staatschef Plotnitskij kürzlich unterzeichnet: damit im Ernstfall alles mit rechten Dingen zugeht. "Wir bauen einen Staat auf mit einer Volksmiliz, Ministerium für Staatssicherheit, Innenministerium, einer Staatsanwaltschaft, Gerichten", sagt Vize-Innenminister Markow.