Die Touristen jedenfalls lassen sich die Laune nicht verderben. Am Fuß der Akropolis, in den Gassen der Athener Altstadt, drängen sich in der Hitze die Sandalenträger mit ihren Strohhüten und bunten T-Shirts. Zwei Kanadier aus Toronto scheinen nicht wirklich auf einen Tag X eingestellt zu sein. "Unser Bargeld reicht vielleicht für ein paar Tage", sagt der junge Mann lachend. 

Oberflächlich betrachtet geht in Athen alles seinen gewohnten Gang in diesen letzten Stunden vor dem wohl entscheidenden Brüsseler EU-Gipfel zur Zukunft Griechenlands. Nur die Titelseiten der Zeitungen an den Kiosken künden von dem politischen Sturm, der hinter den Kulissen vor allem in der Zentrale der linken Regierungspartei Syriza tobt. "Rettet Griechenland!", ruft die Sonntagszeitung To Vima in großen Lettern den politisch Verantwortlichen entgegen. "Das Volk hat kein Mandat für einen Grexit gegeben", appelliert auch die Zeitung Kathimerini auf ihrem Titelblatt. 

Im Schatten eines Straßencafés an der Universität sitzt die Politikwissenschaftlerin Vassiliki Georgiadou und spielt die möglichen Szenarien der nächsten Tage durch. "Es ist sehr undurchsichtig, wie sich die Syriza-Fraktion von Ministerpräsident Alexis Tsipras verhalten wird, wenn er sich tatsächlich mit den Geldgebern am Montag einigen sollte", sagt die Professorin der Pantion Universität. Selbst gemäßigte Abgeordnete hätten deutlich gemacht, dass sie auch mit einer Rückkehr zur Drachme keine Schwierigkeiten hätten, wenn die Forderungen von EU und Internationalem Währungsfonds für sie nicht akzeptabel seien. 

Georgiadou erforscht seit vielen Jahren den Bereich der politischen Extreme, sowohl im rechten wie im linken Spektrum. Diskutiert werde derzeit auch die Variante, dass Tsipras eine Einigung und die damit verbundenen neuen Spargesetze mithilfe von Abgeordneten anderer Fraktionen durch das Parlament bringt. "Die sozialistische frühere Regierungspartei Pasok würde mitziehen, die Konservative Nea Dimokratia vielleicht in Teilen", sagt Georgiadou. Und die neue liberale Partei To Potami habe bereits verkündet, dass sie jede Vereinbarung zu unterschreiben bereit sei, solange damit Griechenland im Euro gehalten werde. Nur was passiert mit der Links-Rechts-Regierung, wenn sie ohne eigene Mehrheit dasteht? 

Auch für diesen Fall kursieren inzwischen mehrere Szenarien. Aus Parteikreisen ist zu hören, mancher Abgeordneter und selbst Minister könnte zurücktreten, insgesamt aber würde das die Fraktion und Partei nicht sprengen. Außerdem sei auch klar, dass Tsipras' rechter Koalitionspartner, die Unabhängigen Griechen, einen Deal mitgehen würde, um seine ohnehin wackelige Machtperspektive zu erhalten. Nur wenn die Erosionserscheinungen zu heftig werden sollten, könnte die Variante einer Neuwahl ins Spiel kommen. Doch dafür reicht die Zeit nicht mehr. Schließlich ist Griechenland schon Anfang Juli zahlungsunfähig. Und das haben offenbar auch die sehr linken Syriza-Politiker eingesehen.

Große Ernsthaftigkeit, positive Stimmung

Zu den eher gemäßigten Funktionären der Partei zählt der Europaabgeordnete Dimitrios Papadimoulis, der auch Vizepräsident des EU-Parlaments ist – in diesen Tagen ein viel gefragter Mann, weil er als europäischer Syriza-Politiker unbefangener als seine Athener Kollegen sprechen kann. Treffen in einem Restaurant in der Nähe des Diplomatenviertels Neo Psychiko: Am Handy muss Papadimoulis noch ein Live-Interview mit einem Radiosender beenden, dann beugt er sich über seinen Espresso. "Die Abgeordneten der Fraktion werden dem Ministerpräsidenten nicht den Teppich unter den Füßen wegziehen", sagt Papadimoulis entschlossen. 

Der erfahrene Europaabgeordnete, der sich schon während der Gründungsphase in der Syriza-Bewegung engagiert hat, beschreibt das aktuelle Klima in seiner Partei so: Es gebe große Ernsthaftigkeit, aber gleichzeitig auch eine positive Stimmung. "So wie sich die mögliche Vereinbarung mit den Geldgebern abzeichnet, werden nur wenige Abgeordnete nicht zustimmen", sagt Papadimoulis. "Selbst jene, die inhaltlich eher widersprechen, werden es nicht ablehnen, um unser politisches Projekt voranzubringen." 

Sicher werde es neue Kürzungen und Sparmaßnahmen geben, aber diesmal würden diese nicht die unteren und mittleren Einkommen treffen. Dass auch die überfällige Frühverrentung im öffentlichen Dienst ein Ende haben soll, damit könnten sich viele Syriza-Mitglieder anfreunden, schließlich seien davon vor allem Militär- und Polizei-Beamte betroffen. Und die gehörten nicht unbedingt zu den Wählern seiner Partei. 

Das Gespräch wird kurz unterbrochen von einem älteren Herrn, der Papadimoulis erkennt und ihm freudig die Hand schüttelt. Dann wendet sich der Politiker wieder seinem Kaffee zu und sagt: "Wenn es eine Einigung gibt und sich die Lage wieder beruhigt, wird Griechenland in Kürze einen wirtschaftlichen Boom erleben." Bisher habe Syriza kaum Zeit gehabt, die angekündigten politischen Projekte voranzubringen. Aber das werde jetzt geschehen. Man kann es nur hoffen.