In Beira gehören Gewalttaten und Vergewaltigungen von Kindern zum Alltag. © GIANLUIGI GUERCIA/AFP/Getty Images

Niemand hat João José und seine Sorgen ernst genommen, keiner kam ihm zu Hilfe. Es ist der frühe Morgen des 23. Dezembers 2014, als er seine kleine Tochter findet. Sie liegt neben einer Mauer, in seinem Wohnviertel. Maria wurde missbraucht und ermordet.

Während andere Menschen in Mosambik Weihnachten feiern, identifiziert João José seine Tochter bei den Behörden. Maria war vier Jahre alt. Auf Bildern sieht man sie in bunten T-Shirts und Shorts, die Haare geflochten und mit Perlen zusammengehalten. Ihre großen Augen schauen skeptisch, gelacht hat sie selten.

Noch am selben Tag beginnt João José die Suche nach den Mördern, auf Facebook teilt er ein Bild seiner Tochter. "Es gibt sie nicht mehr", kommentiert eine Bekannte auf João Josés Profilseite. Auch die Nachbarn bekunden ihre Anteilnahme. Schlimm sei der Tod des Mädchens, schockiert sind allerdings nur wenige. Maria ist nur eine von vielen Minderjährigen, die in Mosambiks zweitgrößter Stadt Beira in den letzten Jahren missbraucht und ermordet wurden. Allein in diesem Jahr sind es offiziellen Angaben zufolge zehn.

Die Dunkelziffer liegt jedoch weitaus höher. "Die Familien kommen erst zur Polizei, wenn der Peiniger des Kindes nicht zahlt. Sie fordern dann lauthals die ausstehenden Schulden ein", sagt Odete Amade, Leiterin der Polizeieinheit für Gewalt gegen Frauen und Kinder in Beira. Denn anstatt die Täter anzuklagen, handeln Familien häufig ein Schmerzensgeld für die Misshandlungen aus.

"50 Dollar, ein Fahrrad oder ein Smartphone fordert ein Vater", so Amade. Auf dem Land lassen sich Familien die zerstörten Leben der Kinder auch gern mal mit einem Ochsen bezahlen. "Der Vater versucht, sich zu bereichern, über das Leid seines Kindes", sagt Amade. "Wir versuchen dann, beide zu bestrafen, die Eltern für ihre misslungene Fürsorgepflicht und den Peiniger für seine Tat." Um die Schmerzen und das Leid der Kinder gehe es den Familien so gut wie nie.

Besonders schutzlos sind die Kinder, die aus den Armenvierteln von Beira kommen. Sie leben dort mit ihren Familien in Hütten aus Steinen, Holzleisten und Plastiktüten. Improvisierte Plastikmüllkonstrukte so groß wie eine Telefonzelle dienen als Toiletten, die Notdurft fließt in eine selbst gebuddelte, offene Mulde nach draußen auf den Weg. Es stinkt. Wenn der Regen die Viertel überschwemmt, werden sie zum Sammelbecken für Epidemien. Kinder springen hier auf schwarzem Sand über die offene Kanalisation, spielen im Dreck. 50 Dollar sind hier ein Vermögen, viel mehr wert als ein Kinderleben.

Seit 15 Jahren leitet Odete Amade ihre Polizeieinheit. Auf den Bildern im Flur des kleinen Gebäudes hängen Fotos von misshandelten Kindern und Frauen, zu sehen sind offene Wunden, Verbrennungen des Rückens und geschundene Geschlechtsorgane. Gerade erst wurde ein 19-Jähriger festgenommen, der die Genitalien eines 15-Jährigen verkaufen wollte – für umgerechnet 52 Euro. In Mosambik floriert der Handel mit Geschlechtsorganen, weil sie für Hexer-Rituale nachgefragt werden. Auch der Glaube, die Vergewaltigung eines Säuglings würde Krankheiten heilen, existiert noch.

Odete Amade kann unzählige brutale Geschichten erzählen, ihr Kopf ist voller Horrorgeschichten. Der Mord an der vierjährigen Maria ist nur eine davon. Und doch ist es ein besonderer Fall – weil ihr Vater für Gerechtigkeit kämpft.

João José reibt sich die Augen, er weint und schildert die Geschichte seiner Tochter, immer wieder, in allen Einzelheiten. Seit einer Woche geht er nicht mehr zur Arbeit. Er will das Verbrechen an seiner Tochter endlich aufklären. In Jeans und Sakko sitzt José nun bei Francisco Rafael Gale, dem Leiter der Gruppe für Menschenrechte in Beira.

Gale tippt den Fall in seinen Computer, mit dem iPad macht er Fotos von Marias Vater. Das kleine Büro der Aktivisten ist in einem alten Plattenbau eingerichtet. Die Gruppe versucht seit Jahren auf die brutale Gewalt gegen Kinder aufmerksam zu machen.

Aids, Prostitution und ein enormes Wirtschaftswachstum

João José sitzt hier, weil er es sich leisten kann – und nicht auf 50 Dollar oder einen Ochsen angewiesen ist. José arbeitet bei einer großen internationalen Baufirma. Obwohl er in einem der vielen Armenviertel von Beira lebt, ist er ein Aufsteiger, einer, der vom mosambikanischen Aufschwung profitiert. Rohstoffe wie Gas oder Kohle, Industrie und Infrastrukturprojekte sorgen in Mosambik für ein Wirtschaftswachstum von bis zu acht Prozent, und Beira ist Schauplatz dieses Booms.

Pakistani und Inder betreiben in der Hafenstadt Handel, Chinesen investieren in Immobilien. Sie haben das Potenzial des ostafrikanischen Landes entdeckt und lassen sich nicht von Korruption und Gewalt abschrecken. Täglich legen riesige Frachter im Hafen an, Hunderte Lkw kämpfen sich über die Schlaglochpisten und staubigen Straßen – und importieren neben Waren auch neue Probleme ins Landesinnere. Frauen und Minderjährige prostituieren sich für Arbeitsmigranten aus Asien und Afrika und werden von ihren Familien verkauft. Meist geschieht dies ohne gesundheitliche Aufklärung und Verhütung.

Schon heute liegt Mosambik auf Platz fünf der Länder mit der höchsten Aids-Rate. Beira ist davon besonders betroffen. Die Stadt wird als Startpunkt des sogenannten "Aids-Highways" gesehen, der nach Simbabwe, Malawi und Sambia führt. Richtung Süden verbindet er die Hafenstadt mit Südafrika, dem Land mit der höchsten Aids-Rate weltweit.