Russlands Präsident Wladimir Putin © Sergei Karpukhin/Reuters

Sitzt Wladimir Putin am Sonntag im Kreml und grämt sich, wenn die Staatschefs der G-7-Länder auf Schloss Elmau zusammentreffen? Wohl kaum. Die Zeiten, als Russlands Präsident die anerkennende Nähe des Westens suchte, sind vorbei. Schon im April hatte sein Pressesprecher mit Blick auf den Gipfel in Deutschland verkündet, dass Putin sich niemandem aufdrängen wolle. 

Die westliche Welt hat für Russlands Führung jenen Glanz verloren, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion so gleißend erschien. Europa und die USA gelten in der öffentlichen Darstellung in Russland heute vor allem als dekadent und heuchlerisch, unentschlossen und doch bedrohlich. Online-Kommentare unter den außenpolitischen Artikeln russischer Tageszeitungen beklagen, dass die "sogenannten führenden Politiker der Welt doch nur nach der Pfeife des amerikanischen Präsidenten tanzen" und verkünden, Russland bleibe unbesiegbar. Mag es sich auch um bestellte Troll-Zuschriften unter den Artikeln handeln – sie geben populäre Meinungen wider. "G 7 ist ein Club der Angeber. Müssen wir dahin?", fragt einer der Schreiber rhetorisch. 

Bei aller Ernüchterung oder gar Feindseligkeit bleibt der Westen in Moskau weiterhin ein wichtiges Maß aller Dinge – auch in Zeiten der gegenseitigen Abstoßung. Fast genüsslich wurde in den vergangenen Tagen die Kritik der früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder an der Ausladung Putins wiedergegeben. Sogar der CSU-Weltpolitiker Wilfried Scharnagl fand mit seinem Votum für eine Putin-Teilnahme am Gipfel Eingang in die russischen Medien.

Eine Frage der Vernunft

Denn er passt in das gängige Erzählmuster in Russland: Einige westliche Staatschefs und Geheimdienste wollen das Land isolieren und letztlich zerstören, aber die Vernünftigen allerorten denken anders. Wie der chinesische Staatschef, die brasilianische Präsidentin und die rechtsnationale französische Parteiführerin Marie Le Pen, die der russischen Führung freundschaftlich verbunden sind und sie nicht mit Unerfreulichem belästigen. 

Sogar auf den Besuch europäischer Staatsführer kann der Kreml verweisen – und dabei keineswegs nur auf Griechenlands Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Vor drei Tagen war der slowakische Premier Robert Fico in Moskau. In fünf Tagen fliegt Putin nach Rom, um Russlands Pavillon auf der Expo 2015 zu besuchen. Im Vatikan erhält er eine Privataudienz bei Papst Franziskus. Einsamkeit, demonstriert Putin, sieht anders aus. 

In dieser Woche tagt in Moskau die Außenministerrunde der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO), die China, Kasachstan, Kirgistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan vereint. Putin gab im Kreml einen Empfang für die Diplomaten. Russland wird im Juli in der Stadt Ufa das nächste Gipfeltreffen der Mitgliedsländer ausrichten und möchte als Teil seiner Asienstrategie die Bedeutung der bislang schlappen Organisation stärken. Es unterstützt eine Aufnahme Indiens und Pakistans und später des Irans und hofft darauf, am chinesischen Zukunftsentwurf einer neuen Seidenstraße teilzuhaben. China hat, was in Russland langsam zerrinnt: Geld für große Investitionen. Da erscheint G 7 eher als eines von vielen Gipfeltreffen.

G-20-Gipfel in schlechter Erinnerung

Womöglich war es sogar eine Erleichterung für Putin, nicht zu einem Scherbengericht der anderen G-7-Länder nach Deutschland einfliegen zu müssen. Der G-20-Gipfel vom November vergangenen Jahres im australischen Brisbane ist noch in schlechter Erinnerung. Auf Unverständnis und scharfe Kritik traf der russische Präsident damals und reiste nach nächtlichen Verhandlungen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vergrätzt ab. Putin sei schnell beleidigt, erzählen westliche Diplomaten in Moskau. Schon auf dem G-8-Gipfel in Sankt Petersburg 2006 standen in manchen Streitfragen sieben gegen einen. Dann musste eine Schlichterin ran, um Putin wieder zu integrieren: Angela Merkel. 

Russlands G-8-Geschichte ist ein Spiegelbild der außenpolitischen Kurven des Landes. 1998 durfte Russland in den Club der wichtigen Staatschefs der Erde eintreten. Seine Integration in die westliche Welt schien nur eine Frage der Zeit. Acht Jahre später bekam es erstmals Heimrecht in Sankt Petersburg. Deutschland hatte damals als besondere Geste den G-8-Vorsitz an Russland abgetreten. Doch in den folgenden Jahren wurde die Atmosphäre vor allem im Verhältnis zu den USA kühler. 2012 blieb Putin dem Gipfel im amerikanischen Camp David fern und schickte Premierminister Dmitri Medwedew auf die Reise. Seit 2014 ist das Format G 8 überholt.

Innenpolitische Ablenkungsmanöver

Russlands Abkehr vom Westen erklärt sich nicht nur mit beleidigtem Stolz und verletzten Gefühlen. Sie ist zugleich Kernstück einer aggressiven Innenpolitik in Zeiten der Rezession. Als Ausgleich für die wirtschaftliche Trübnis dienen Ablenkungsmanöver: die stetige Gruselbotschaft von der Umzingelung durch Feinde und die Beschwörung einer nationalen Euphorie, einer siegreichen Geschichte und allzeitiger Wehrbereitschaft. Außenpolitik ist hier vor allem Instrument der inneren Machtkontrolle. Eine Absage der G-7-Länder kommt Putin dabei gerade recht. So gerät er gar nicht in Gefahr, Zugeständnisse zu machen.

Schon der 40. Supergipfel, der im Juni vergangenen Jahres wegen des Ukraine-Konflikts erstmals wieder ohne Russland stattfand, hat Putin innenpolitisch gestärkt. Die Westler wollen uns nicht, lautete die Losung, dann können wir auch anders. Statt mit den Kollegen in Brüssel fürs Gipfelfoto zu posieren, diskutierte Putin in Sankt Petersburg eine "effektive und sichere Erschließung der Arktis". Die Bodenschätze des Eismeeres gelten ihm als Voucher auf eine machtvolle Zukunft. Für die Zusammenarbeit mit dem Westen trifft das nicht mehr zu.