Der Mann, der im zwölften Stock eines Bürogebäudes im Moskauer Zentrum sitzt, ist ein ehemaliger Spion des KGB. An der gegenüberliegenden Ecke des Raumes steht ein Leibwächter, der seinen Boss nicht aus den Augen verliert. Alexander Lebedew, groß, graues Haar, kantige Gesichtszüge, wirkt unsicher und eingeschüchtert. Vorsichtig wählt der 55-Jährige seine Worte. Es ist nicht derselbe Lebedew, der sich in den Jahren nach seinem Aus beim russischen Geheimdienst als einer der letzten Superreichen öffentlich gegen die russische Machtelite gestellt hat, der immer wieder Wladimir Putin kritisiert hat, der Alexej Nawalny, einen der wenigen echten Oppositionspolitiker, unterstützt hat, und der die einzige kremlkritische Zeitung Nowaja Gazeta finanziert hat.

Leisten konnte sich Lebedew all das wegen seines Vermögens, das im Jahr 2008 noch 3,1 Milliarden US-Dollar umfasst haben soll. Von dem Geld ist heute fast nichts mehr übrig, von Lebedews Kritik an der russischen Regierung ebenso wenig. Nach und nach musste er seine Firmen und Beteiligungen an unbekannte Gesellschaften unter Marktpreis verkaufen. Im Jahr 2012 machte er dafür die russischen Geheimdienste verantwortlich. Heute ist es mit Lebedews Kritik am Kreml vorbei. Im März hatte er angekündigt, seinen Anteil der Nowaja Gazeta zu verkaufen. Er, einer der größten Putin-Kritiker der Vergangenheit, sagt nun im Juni 2015, man solle ihn nicht mehr als Oppositionellen bezeichnen.

Lebedew ist damit ein besonders heftiges Beispiel für einen Wandel, den mehrere Kritiker des russischen Präsidenten durchgemacht haben. Seit den letzten erwähnenswerten Massenprotesten gegen Wladimir Putin nach den Parlamentswahlen im Dezember 2011, als Hunderttausende in Moskau und Sankt Petersburg gegen Wahlfälschungen auf die Straße gingen, hat sich das Lager der Regierungskritiker in drei Teile gespalten: Die erste Gruppe ist ausgewandert, die zweite in Gefängnissen gelandet und die dritte auf die Seite Putins gewechselt. Der russische Präsident regiert seitdem in seinem Amt so unangefochten wie nie zuvor.

"Sie müssen mich verstehen. Ich fühle mich wie der Kapitän eines Schiffes, das sich auf einem tobenden Gewässer zu halten versucht. Ich will gar nicht daran denken, was passiert, wenn es umkippt", sagt Lebedew. Dabei ist es nicht nur Wladimir Putin, der ihm Angst macht, sondern vor allem die, die nach dem russischen Präsidenten an die Macht kommen könnten.