41 Prozent ist ja eigentlich kein schlechtes Ergebnis bei einer Parlamentswahl. Mit ziemlich genauso vielen Stimmen regiert eine gewisse Angela Merkel sehr stabil eines der wichtigsten Länder der Welt, 41 Prozent sind eine ziemlich gute Machtbasis für eine normale Partei in einem normalen Land.

Nicht so in der Türkei. Hier war die regierende AKP Triumphe gewohnt, hier wollte sie nun noch mehr, hier hatte sich ihr ehemaliger Premierminister, jetziger Staatspräsident und unangefochtener Anführer Recep Tayyip Erdoğan viel Größeres vorgenommen: Den Staat im Alleingang zum Präsidialsystem umbauen, eine "Neue Türkei" errichten, Weltmacht werden, alle Gegner "vernichten", noch mindestens bis 2023 regieren. Pläne, die über das in Mehrparteien-Demokratien normale politische Maß hinausgehen – und die nun auch vielen Türken zu groß, zu unheimlich waren. Sie haben ihren Präsidenten und die Regierungspartei zurechtgestutzt auf Normalgröße. Diese Wahl lässt sich so auch als Beweis für die Wehrhaftigkeit der türkischen Demokratie gegen allzu machthungrige Politiker deuten.

Die voraussichtlich knapp 41 Prozent sind eine Niederlage sowohl für die AKP als auch für Erdoğan, der formal gar nicht zur Wahl stand. Doch er hatte die Wahl zur Abstimmung gemacht über seine Pläne, hatte sich, obwohl die Verfassung das dem Präsidenten eigentlich verbietet, ganz offensiv eingemischt in den Wahlkampf. Seine Strategie war dabei die gleiche wie immer in den vergangenen zwei Jahren: Wer gegen mich ist, ist ein Feind der Türkei. Nur ich kann das Land weiter in eine noch großartigere Zukunft führen.

Nun ist diese Zukunft erst mal abgesagt. Das liegt zum einen am Triumph der prokurdischen HDP, die zum ersten Mal und überraschend deutlich über die Zehn-Prozent-Hürde sprang und ins Parlament einzog. Ihr Spitzenkandidat Selahattin Demirtaş ist der spannendste und charismatischste türkische Politiker seit, genau, Recep Tayyip Erdoğan. Die HDP hat sich mit ihrem Einsatz für Minderheitenrechte und ihrem ruhigen, fröhlichen Ton geschickt wählbar gemacht für linke, moderne Türken. Außerdem haben sie im Südosten und Osten des Landes die AKP gedemütigt: In der größten kurdisch geprägten Provinz Diyarbakır hat die Regierungspartei fünf ihrer vorher sechs Abgeordneten an die HDP verloren, in vielen Provinzen ist ihr Ergebnis um die Hälfte oder mehr eingebrochen.

Was leicht untergeht, aber ebenfalls bemerkenswert ist: Das gute Abschneiden der MHP, die von 13,1 auf voraussichtlich 16,5 Prozent geklettert ist. Der Erfolg dieser Partei, deren Positionen aus europäischer Sicht ultranationalistisch sind, sollte auch all jene verstummen lassen, die nun von einer irgendwie linksliberalen Verwandlung der Türkei träumen, von einem Triumph der Generation Gezi, sozusagen.

Das tatsächliche Wahlergebnis ist dabei übrigens noch deutlicher, als es selbst die – aus Oppositionssicht – optimistischsten Prognosen vorhergesehen hatten.

Wie geht es nun weiter? Das ist so unklar wie nie. Das Schlimmste wäre, wenn Erdoğan nun an seinen Umbauplänen festhielte und so das Land in einen schädlichen inneren Konflikt ziehen würde. Das Wahlergebnis zeigt eindeutig: Es gibt keine Mehrheit für ein Präsidialsystem, das die meisten Türken, auch viele AKP-Anhänger, eh nie überzeugt hatte. Erdoğan sollte das akzeptieren und so auch seiner AKP die Freiheit geben, sich wieder auf andere Dinge zu konzentrieren: Die wackelige Wirtschaftslage, den Friedensprozess mit den Kurden.

Wer die Türkei nun regieren wird, ist noch völlig unklar. Die vergangenen Jahre und dieser Wahlkampf haben die Gräben zwischen den Parteien so vertieft, dass kaum eine Koalition vorstellbar ist. Höchstens AKP und MHP könnten sich zusammentun. Das Ergebnis wäre wohl eine nationalistischere Politik und ein Rückschlag, wenn nicht das Ende des Friedensprozesses mit den Kurden, den die MHP am liebsten sofort abbrechen will. So könnte der Erfolg der prokurdischen HDP indirekt zur Verschlechterung führen, eine bittere Ironie wäre das.

Die ersten Signale aber gehen sowieso in eine andere Richtung. Die Zeichen stünden auf Neuwahlen, verkündeten gleich mehrere AKP-Abgeordnete, bevor die Stimmen überhaupt fertig ausgezählt waren. Sollte innerhalb von 45 Tagen keine neue Regierung gebildet sein, kann der Präsident Neuwahlen ausrufen. 

Nun wartet das ganze Land, wie Erdoğanauf das Wahlergebnis reagiert. Von seinen nächsten Worten wird viel abhängen. Bisher aber, und das ist sehr ungewöhnlich für den Vielredner Erdoğan, schweigt dieser Präsident. Er scheint noch keine Antwort zu haben auf die größte politische Niederlage seines Lebens.