Die türkische Regierungspartei AKP verliert zum ersten Mal seit 2002 ihre Regierungsmehrheit. Laut vorläufigen Zahlen kommt sie bei der Parlamentswahl auf 40,5 Prozent der Stimmen. Damit wäre sie zwar weiter mit Abstand stärkste Kraft, würde aber nur 254 der insgesamt 550 Sitze erringen. Zur Mehrheit bräuchte sie 276. 

Um 21:35 Uhr Ortszeit (20.35 deutscher Zeit) waren 92,3 Prozent der Stimmen ausgezählt. Laut übereinstimmenden Medienberichten kam die republikanisch-sozialdemokratische CHP dabei auf 25,4 Prozent (133 Sitze), die ultranationalistische MHP auf 16,7 Prozent (84 Sitze) und die prokurdische HDP auf 12,6 Prozent (79 Sitze). Damit würde erstmals eine prokurdische Partei die Zehnprozenthürde überwinden und als Fraktion ins Parlament einziehen.

In Diyarbakir, der größten kurdisch geprägten Provinz, feiern die Anhänger der HDP bereits, wie ZEIT-Redakteurin Özlem Topcu berichtet.

Die Wahl in der Türkei ist auch eine Abstimmung über die Pläne von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der die Verfassung ändern und das politische System zu einem Präsidialsystem umbauen will. Dafür bräuchte seine Partei, die AKP, eigentlich eine Mehrheit von mindestens 330 Abgeordneten im Parlament. Davon ist sie nach den bisherigen Zahlen weit entfernt. 

Die Opposition und internationale Beobachter hatten Erdoğans Umbaupläne als weiteren Schritt auf dem Weg zu einer Autokratie kritisiert.

Während der Wahl und der Auszählung gab es einige Unregelmäßigkeiten. Vor vielen Wahllokalen waren Autos ohne Nummernschilder aufgetaucht, von denen unklar ist, wem sie gehören. Erst hieß es, sie würden von der Polizei genutzt, dann aber erklärte zumindest der Gouverneur von Istanbul, man werde nun selbst eine Untersuchung einleiten, um die Besitzer oder Fahrer der Autos zu ermitteln.

In Ankara, wo die Stimmzettel der Auslandstürken ausgezählt wurden, kam es zu einem Gerangel, weil ein Mann versucht haben soll, eine Wahlurne verschwinden zu lassen. Im Vorfeld hatte es die Befürchtung gegeben, die Wahl könne verfälscht werden.

Während des Wahlkampfes war unter anderem der Fahrer eines HDP-Wahlkampfbusses erschossen worden. Und bei der Abschlusskundgebung der Partei am Freitag gab es zwei Explosionen, bei denen zwei Menschen getötet und mehr als 100 verletzt wurden.