Es war im März 2011, da machten sich rund 24.000 Menschen aus Tunesien auf, um mit Booten die nahen europäischen Küsten von Lampedusa, Malta oder Sizilien zu erreichen. Mitten in der Jasminrevolution, Wochen nach dem Sturz des Diktators Ben Ali, und es waren zehnmal mehr Flüchtlinge als in den Jahren zuvor. Sie hatten nur auf eine Möglichkeit gewartet, die streng bewachten Grenzen endlich überwinden zu können und der jahrelangen Wirtschaftskrise zu entkommen.

Dabei stehen die Chancen in Tunesien, verglichen mit anderen Ländern in Nordafrika, noch am besten, Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichen Stillstand zu überwinden und damit eine der häufigsten Fluchtursachen neben Krieg und Repression aus der Welt zu schaffen. Anders als in den Hauptfluchtländern Somalia, Eritrea, Nigeria, Mali und erst recht in Libyen oder Syrien, wo vorerst Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse vielleicht erst in Jahrzehnten gibt, ist das Land als einziges nach dem arabischen Frühling auf dem Weg zur Demokratie. Als Land im Umbruch blickt Tunesien vergleichsweise hoffnungsvoll in die Zukunft.

Eine Zukunft ohne die klügsten Köpfe

Und dennoch: Das Land bleibt eines der Hauptauswanderungsländer im Mittelmeerraum, und das schon seit Jahrzehnten. 1,2 Millionen Tunesier leben außerhalb des Landes, das sind mehr als 10 Prozent der Bevölkerung. Früher waren es ungelernte Landarbeiter, die vor allem in Italien ihr Glück versuchten. Heute sind es vor allem die Jungen und Hochqualifizierten, die Tunesien verlassen. Das Land erlebt derzeit einen Braindrain, die klügsten Köpfe bereichern lieber andere Länder mit ihren Qualifikationen, vorzugsweise die USA, Frankreich oder Deutschland, weil sie für sich daheim keine Perspektive sehen.

Um sich vor Augen zu führen, was der Verlust von 10 Prozent an qualifizierten Menschen für ein Land bedeutet: Gäbe es in Deutschland keine Beamten, keine Politiker, keine Wissenschaftler, Lehrer oder Polizisten, außerdem keine Richter, keine Ärzte und keine Ingenieure mehr, wären das immer noch weniger als fünf Prozent der Bevölkerung – fünf Prozent allerdings, die schmerzlich fehlen würden.

Zurück bleibt die Frage, wer den politischen Übergang zur Demokratie in Tunesien gestalten und für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgen soll, wenn ein erheblicher Teil der gut ausgebildeten Leute abwandert. Außerdem bedeutet der Talentschwund auch volkswirtschaftliche Verluste. Gerade die Volkswirtschaft aber ist das große Problem in dem kleinsten Staat Nordafrikas.

Jung, hochqualifiziert, arbeitslos

Tunesische Experten warnen davor, dass sich die Dauerwirtschaftskrise nach dem Anschlag auf das Bardo-Museum sogar noch drastischer entwickeln und sich damit Auswanderungsgrund Nummer eins verschärfen könnte: die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Laut Weltbankdaten von 2014 erreicht die Arbeitslosenquote besonders unter jungen Akademikern in vielen Teilen des Landes schon jetzt bis zu 40 Prozent. Viele wandern lieber ab, als jahrelang auf einen Job zu warten. 

Was sich heute zum großen Nachteil für die tunesische Gesellschaft entwickelt, war tatsächlich jahrzehntelang von der Politik gewollt, sogar eine Auswanderungsbehörde wurde 1967 geschaffen. Dies aus zwei Gründen: Erstens konnte mit Massenauswanderungen der heimische Arbeitsmarkt entlastet werden. Zweitens trugen die Rücküberweisungen der im Ausland arbeitenden Tunesier in den letzten 50 Jahren nicht unerheblich zum Bruttoinlandsprodukt bei, bis heute mit konstanten vier Prozent pro Jahr. Dies zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt der Politikwissenschaftlerin Katharina Natter vom International Migration Institute der Universität Oxford.

Hinzu kommt, dass seit einigen Jahren zunehmend legale Einwanderungsmöglichkeiten für Hochqualifizierte nach Europa und in die USA geschaffen werden. Die letzte Mobilitätspartnerschaft zwischen der EU und Tunesien wurde Anfang 2014 geschlossen. Im Gegenzug musste sich Tunesien verpflichten, seine Grenzen stärker zu bewachen und "irreguläre" Migration zu verhindern.