Ungarn nimmt ab sofort keine Flüchtlinge mehr zurück, die aufgrund des Dublin-III-Abkommens in das Land abgeschoben werden. Das teilte das ungarische Innenministerium am Dienstagabend mit. Die Maßnahme erfolge "aus technischen Gründen" und sei zeitlich nicht befristet. Man habe darüber bereits die Behörden in anderen EU-Ländern informiert, teilte das Ministerium weiter mit.

Regierungssprecher Zoltan Kovacs bestätigte den Vorgang. "Das Boot ist voll", sagte er der österreichischen Zeitung Die Presse und dem ungarischen Internetportal Index. Die Regierung müsse "ungarische Interessen und die Bevölkerung schützen", sagte er zur Begründung.

Die Europäische Union reagierte umgehend. Eine Sprecherin sagte, die EU-Kommission habe Ungarn aufgefordert, die Art und das Ausmaß des "technischen Fehlers" sofort klarzustellen.

Das Dubliner Abkommen sieht vor, dass Flüchtlinge nur in demjenigen EU-Mitgliedstaat einen Asylantrag stellen dürfen, den sie nach ihrer Flucht als erstes betreten haben. Aufgrund dieser Regelung werden derzeit viele Asylsuchende von einem Staat in die jeweiligen Ankunftsländer abgeschoben.

Österreich, das von der Entscheidung des Nachbarlandes besonders betroffen ist, äußerte Kritik. "Wer weiterhin ein Europa ohne Grenzen haben will, muss die Schengen-Regeln einhalten", sagte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner der Nachrichtenagentur APA. "Das heißt natürlich auch an der Dublin-Regel festzuhalten."

Vor einer Woche hatte Ungarn bereits die Schließung seiner Grenze zu Serbien angekündigt, um die unkontrollierte Einwanderung von Flüchtlingen zu stoppen. Die rechtsgerichtete Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban will entlang der 175 Kilometer langen Grenze zu dem Nicht-EU-Land einen vier Meter hohen Zaun errichten. Die Zahl der Flüchtlinge in Ungarn war zuletzt stark gestiegen, wobei die meisten aus Serbien kamen.