Am Tag danach hat man das Gefühl, dass die Aufregung in Deutschland wieder größer ist als in Griechenland. Wie kann Alexis Tsipras sein Volk nur so belügen? Im Referendum am vergangenen Sonntag stimmten die Griechen doch mit überwältigender Mehrheit gegen die Sparvorschläge der EU. Und jetzt – ist das alles vergessen? Die Zeitung Kathimerini, die keinesfalls zur treuen Anhängerschaft von Tsipras zählt, bringt es auf den Punkt: "Der Ministerpräsident scheint die richtige Entscheidung zwischen seiner Partei und den Interessen Griechenlands getroffen zu haben." Es sei jetzt nicht die Zeit, um beleidigt zu sein.

Der griechische Ministerpräsident hat der EU am Donnerstagabend eine Liste mit Sparvorschlägen vorgelegt, die sich kaum von denen unterscheiden, die per Referendum abgelehnt worden waren. Da kann es doch nur eine Frage der Zeit sein, bis die Griechen wieder auf den Barrikaden sind.

Um es vorwegzunehmen: Mit einer Revolte gegen Tsipras ist vorerst nicht zu rechnen. Dafür gibt es mehrere Gründe, die man in Deutschland einerseits nicht so leicht nachvollziehen kann – und andererseits auch nicht nachvollziehen möchte. Also der Reihe nach.

Ein "ehrenvoller Kompromiss"?

Der erste Vorwurf lautet, dass die neue Liste von Tsipras all jene harten Sparmaßnahmen beinhaltet, die das Volk eigentlich ablehnt und von denen auch Syriza schon immer gesagt hat: Weg damit. Das stimmt. Ganz so einfach ist es aber nicht. Das haben inzwischen auch die linken Ränder der Partei und Gesellschaft eingesehen, schließlich hat Tsipras in den monatelangen Verhandlungen nichts, aber auch wirklich nichts unversucht gelassen, um bessere Bedingungen für Griechenland im Euro zu erreichen. Zur Erinnerung nur einige Stichworte: Russland, Reparationen, Varoufakis. Und zuletzt: Referendum.

In diesem Referendum ging es offiziell um den Sparvorschlag der EU. Und nicht, wie in Deutschland auch von führenden Politikern behauptet, um den Austritt aus der Eurozone. Tsipras hat den Menschen ein Nein empfohlen, weil ein wichtiger Punkt in diesem Vorschlag fehlte. Eine verbindliche Festlegung der EU, die Schuldenlast Griechenlands zu reduzieren – entweder durch einen klassischen Schuldenschnitt oder auch nur durch Reduzierung der Zinsen und Streckung der Kreditlaufzeiten. Tsipras hat immer gesagt, dass er nur zustimmen werde, wenn es mit den Gläubigern eine solche "tragfähige Lösung für die Zukunft" gebe.

Der griechische Premier hatte vor dem Referendum auch offen eingeräumt, dass ein Nein lediglich helfen würde, bessere Bedingungen in den Verhandlungen zu erreichen. Und danach sieht es jetzt tatsächlich aus. Die Gläubiger und selbst Deutschland sind offenbar bereit, den Griechen eine Erleichterung im Schuldendienst zu gewähren. Vor dem Referendum hatten sie dies abgelehnt oder wären höchstens bereit gewesen, dies mit einer weichen Formulierung in die Einigung aufzunehmen. Insofern hätte Tsipras sein Ziel erreicht und bessere Bedingungen bekommen. Den Menschen und seiner Partei könnte er dies nun als den "ehrenvollen Kompromiss" verkaufen, den er immer angestrebt hat.

Hat sich das gelohnt?

Trotzdem fragen sich viele in Griechenland: Hat sich das gelohnt? Das Land bleibt zwar im Euro, es gibt aber wieder harte Auflagen, welche die Bevölkerung sehr bald und sehr direkt zu spüren bekommen wird. Außerdem wurde in den monatelangen Verhandlungen und vor allem durch die geschlossenen Banken in den vergangenen zwei Wochen ein großer wirtschaftlicher Schaden angerichtet, der sich nur sehr mühsam wieder aufholen lässt.

Eine andere Regierung hätte wohl viel früher einen Deal mit der EU erreichen können, allerdings mit Sicherheit auch unter anderen Bedingungen. Ob sich diese Konstellation langfristig besser auf die Wirtschaft des Landes ausgewirkt hätte – auch dies ist kaum präzise zu beantworten.

Sicher ist nur, dass sich nach fünf Jahren Krise in Griechenland eine feste Mehrheit für diese Regierung unter Alexis Tsipras formiert hat, und dass die Bevölkerung ihr Vertrauen in den Premier durch das Referendum noch einmal bestätigt hat. Den Menschen war klar: Den Euro können sie nicht umsonst behalten.